Die Warte des Tempels

Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 171/5 - Mai 2015

 

 

Pfingsten - welche Bedeutung hat es für uns? - Karin Klingbeil

Märtyrer des Widerstands - Jörg Klingbeil

Gastfreundschaft als Bereicherung - Christine Klingbeil

Betrachtungen zur Johannes-Passion - Wolfgang Blaich

Pfingsten - welche Bedeutung hat es für uns?

Für die Kirche gehört das Pfingstfest neben Weihnachten und Ostern zu den drei größten Kir­chenfesten. Pfingsten als "Geburtstag der Kirche" geht zurück auf das in der Apostelge­schichte beschriebene Pfingstereignis genau 50 Tage nach Ostern. Im Judentum entspricht es Shawuot, dem Erntedankfest sieben Wochen nach dem Passahfest. Gedankt wird für die erste Weizenernte im Jahr; zu Zeiten des Tempels war es eines der beliebten Wallfahrtsfeste. Deshalb befanden sich damals offenbar viele Juden - besonders aus der Diaspora - in Jerusa­lem.

In diese Zeit wird das im 2. Kapitel der Apostelgeschichte beschriebene Pfingstwunder verlegt: zunächst sind nur die 12 Apostel beieinander in einem Haus, als sich ein gewaltiges Brausen erhebt, sich Zungen wie von Feuer auf jeden einzelnen setzen und alle vom Heiligen Geist erfüllt werden, so dass sie in völlig anderen Sprachen zu predigen vermochten. Durch das Brausen veranlasst läuft eine Menschenmenge zusammen, die aus Menschen aus mehr als zehn Sprachgebieten besteht und sich darüber wundert, dass jene einfachen Leute aus Galiläa plötzlich in so vielerlei Sprachen sprechen können - und jeder Anwesende sie in seiner Muttersprache versteht. Aber es gibt auch einige, die die Apostel für betrunken halten.

Nun macht sich Petrus zum Sprecher der Apostel, weist den Vorwurf der Trunkenheit am Morgen zurück und wendet sich an alle versammelten Juden. Er beruft sich auf den Propheten Joel, bei dem Gott für die letzten Tage die Ausgießung seines Geistes »auf alles Fleisch« (Joel 3, 1-5) ankündigt. Im weiteren Verlauf seiner Rede verweist Petrus auf das Leben und die Wundertaten Jesu im Namen Gottes und betont, dass die Anwesenden ihn ja selber erlebt hätten und wüssten, wie er zu Tode gekommen sei. Nun teilt er der Menge mit, dass Jesus nicht im Tod geblieben, sondern auferweckt worden sei - und bezieht sich dabei auf zwei Psalmen des David, in denen die Nachkommenschaft des Messias aus dem Hause Davids und auch die Auferweckung geweissagt werden. Somit habe Gott diesen Jesus von Nazareth zum Herrn und Christus gemacht. Daraufhin lassen sich etwa dreitausend Menschen zur Vergebung ihrer Sünden taufen und bilden von Stund an die erste christliche Gemeinde, die beständig wächst.

Mit dieser Beschreibung verhält es sich wie mit vielen anderen in der Bibel: wir sollten sie nicht wörtlich, auch nicht als historischen Bericht auffassen. Aber: es muss etwas Besonderes geschehen sein, das Lukas hier in hohem Maße symbolhaft wiedergibt - und mit dem die Wirkungsgeschichte des Christentums beginnt.

Zunächst berichtet Lukas von einer Audition (das Brausen eines gewaltigen Windes), an die sich eine Vision anschließt (die Feuerzungen auf den Köpfen). Beide Phänomene (Sturm, Feuer, auch Donner, Blitz und Erdbeben) sind Symbole für die Gegenwart Gottes: wie im brennenden Dornbusch, auf dem Sinai bei Mose, bei Elija.

Nun kombiniert Lukas zwei ältere Vorlagen, deren eine das Phänomen der ­Zungenrede beschreibt, während die andere von einem Sprachenwunder erzählt, das Lukas breiter ausführt. Zungenrede ist unverständliches Sprechen (daher der Verdacht auf Trunkenheit) bei religiöser Ekstase. Im Neuen Testament wird dies als besondere Gnadengabe des Heiligen Geistes gedeutet - und ist auch noch heute bei den Pfingstgemeinden wesentlicher Bestandteil des Gottesdienstes. Die Berufung auf die Weissagung des Propheten Joel soll der neuen Lehre zusätzlich eine Legitimation aus der Schrift verleihen. Schließlich soll Lukas‘ Aufzählung der Völker- und Ländernamen zeigen, dass diese allen Völkern der Erde verkündet werden soll - nicht nur dem "ganzen Haus Israel", an das sich Petrus in seiner Rede wendet.

Bei dieser Häufung von Symbolhaftem wird schnell klar, dass der Text, der im Rückblick aufgeschrieben wurde, ein Ereignis von großer Wichtigkeit dokumentieren sollte: durch den Heiligen Geist bewirkt Gott selbst die Entstehung der christlichen Gemeinde mit der Ein­setzung der Apostel in der Nachfolge Jesu.

Als Geburtsfest der Kirche hat für uns Templer Pfingsten wenig Belang - und die frühe Ent­wicklung dürfte auch nicht ganz so geradlinig verlaufen sein, wie sie in der Apostelgeschichte idealisiert beschrieben ist. Zur Zeit der Abfassung des Textes etwa 90 n.Chr. lagen die Kontro­versen und Konflikte des Anfangs (s. die Paulusbriefe) schon lange zurück, die Jesusbewe­gung, die aus dem ländlichen Judentum entstanden war, hatte sich durch die Verbreitung des Paulus hellenisiert und ging schließlich im hellenistischen Christentum auf; der Verfasser wusste um die weltweite Verkündigung. Die Taufe hatte sich als Aufnahmeritus etabliert, die apostolische Autorität begann sich zu verfestigen.

Für die Anfänge der Tempelgesellschaft dürfte der Text allerdings durchaus eine Bedeutung gehabt haben: das Geschehen in Jerusalem und das Joelwort, das außer der Zusage des Heiligen Geistes in Jerusalem die Errettung auf den Berg Zion verortet, die Naherwartung, in der die frühen Christen weiterlebten, das Zungenreden und vor allem die von Gott unterstützte Gemeindebildung sind Phänomene, die die pietistisch geprägten Templer sicherlich sehr ange­sprochen haben.

Hoffmann betrachtete die Gemeindebildung geradezu als unumgänglichen Auftrag für die Nachfolge Jesu, die zunächst die Apostel übernommen hatten. Nach Hoffmanns Überzeugung hatte Jesus - und seine Apostel - das Reich Gottes auf Erden gegründet und aufgerichtet, aber dieses war weiterer Entwicklung fähig und bedürftig. Dabei sah er die Gemeinde als das Werkzeug an, durch das Jesu Lehre und Lebensauffassung erhalten und weitergegeben werden konnte. Hier konnten die Menschen den Weg Jesu kennen und gehen lernen. Das sollte zum Wohl der Menschheit geschehen und war für Hoffmann die Antwort auf die soziale Frage.

Zwar lebten die Templer nicht wie die erste Christengemeinde in der Apostelgeschichte zusammen, aber so, wie die Apostel das Ideal der Gemeindegründungen - nach dem Schrifttum - umsetzten und in ihren Briefen beschrieben, stellte sich für Hoffmann die Nachfolge Jesu grundsätzlich in der Form der Gemeinde dar.

Allerdings hat sich unsere Auffassung seither in so gut wie allen Punkten geändert: der Name »Jerusalemsfreunde« wurde bereits bei der Gründung in »Deutscher Tempel« abgeändert. Das Gemeindeleben ist uns zwar nach wie vor sehr wichtig - aber schon Christoph Hoffmann äußerte gegen Ende seines Lebens, dass das Trachten nach dem Reich Gottes für jeden dort möglich sei, wo ihn das Leben hingestellt habe, und nicht nur in entsprechenden Gemeinden verwirklicht werden könne.

Auf die Templersiedlungen bezogen, denke ich schon, dass man von einem christlichen Miteinander reden kann - denn neben den wirtschaftlichen und kulturellen Errungenschaften boten die Templersiedlungen ihren Bewohnern etwas außerordentlich Wichtiges: bei allem Bewusstsein, dass auch hier Menschen mit Fehlern zusammen lebten, hatten sie das Gefühl, gemeinsam einer Sache zu dienen, unbedingt zu den anderen dazuzugehören und jedenfalls von der Gemeinschaft getragen zu sein.

Und heute? Hat die religiöse Aussage des Textes für uns noch eine Bedeutung? Was ist der Heilige Geist und glauben wir an sein Wirken? Für mich deckt der Begriff folgendes ab: wo er in der Bibel vorkommt, ist er immer gleichbedeutend mit der Erkenntnis des Willens Gottes. Heiliger Geist hat also auch immer etwas mit Offenbarung zu tun - sei es, wenn die Propheten im Alten Testament davon sprechen, sei es, wenn Jesus im Neuen Testament diesen Begriff benutzt. Aber es ist nicht nur die Erkenntnis des Willens Gottes - ist diese uns Menschen überhaupt möglich? -, sondern auch das Tun im Sinne dieser Erkenntnis, zu dem wir dann auch befähigt werden.

Weil es auch gefährlich sein kann, sich auf eine Erkenntnis, die von Gott kommt, zu berufen, müssen wir sie an einem Maßstab messen, und der kann nur der sein, den Jesus uns gelehrt hat: was dem Wohl der Menschen dient. Erst dadurch entfaltet Heiliger Geist Wirkung und wird offenbar.

Das, was das Pfingstereignis als Erlebnis noch transportiert, ist auch das Mitreißende, das fähig ist, sehr viele Menschen (3.000!) zu erfassen, sie gefühlsmäßig mitzunehmen. In den Worten "inspirieren" und "begeistern" steckt es drin, dieses Ergriffenwerden von einer Idee, einer Vorstellung, die man dann unbedingt umsetzen will und muss, weil sie einen im Innersten packt. Immer steht ein solches Ergriffenwerden hinter all den kleinen und großen Hilfsaktionen, die es unzählig in unserer Welt gibt und die benachteiligten, leidenden Menschen helfen, weil andere sich mitreißen lassen. Gleiches gilt für Menschen, die nicht hassen wollen, obwohl sie allen Grund dazu hätten - Beispiele gibt es viele, auch schon in der »Warte« angeführte. Zutiefst beeindruckt hat mich der palästinensische Friedensaktivist und Arzt aus Gaza, der bei einem Raketenangriff Israels drei Töchter verlor. Er schrieb das Buch »I shall not hate« und engagiert sich ungebrochen weiter für den Frieden.

Es mag nicht mehr unser heutiger Sprachgebrauch sein - aber für mich weht bei diesen Menschen der Heilige Geist, der die Vision vom Reich Gottes immer wieder wahr werden lässt.

Karin Klingbeil

Märtyrer des Widerstands

Zum 70. Todestag von Dietrich Bonhoeffer

Nur einen Monat vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer im Konzentrationslager Flossenbürg (Oberpfalz) hingerichtet, zusammen mit anderen prominenten Vertretern des Widerstandes wie Admiral Wilhelm Canaris und General Hans Oster. Bonhoeffer wurde nur 39 Jahre alt, dennoch hat er bis heute große Wirkung entfaltet, nicht zuletzt durch seine Predigten, Briefe und Gedichte; Dietrich Bonhoeffer»Von guten Mächten wunderbar geborgen« ist auch in unserem Gesangbuch enthalten. Bonhoeffer ist aber vor allem als profilierter Vertreter der Bekennenden Kirche und entschiedener Gegner des national­sozialistischen Unrechtsregimes in Erinnerung ge­blieben.

Geboren wurde er am 4. Februar 1906 als sechstes von acht Kindern in Breslau. 1912 zog die Familie nach Berlin. Nicht zuletzt aufgrund des Soldatentodes seines zweitältesten Bruders Walter im Jahre 1918 begann er sich für Religion zu interessieren und nahm nach dem Abitur das Studium der evangelischen Theologie sowie der Philosophie in Tübingen auf. 1924 wechselte er nach Berlin, wo er 1927 promovierte und 1928 sein erstes theologisches Examen ablegte. 1929 wurde er nach einem Vikariat in Barcelona Assistent an der Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität und habilitierte sich bereits im Jahr 1930 mit einem Thema aus der systematischen Theologie; nach dem zweiten Examen ging er als Stipendiat an ein theologisches Seminar in New York, wo er mit den Nachwirkungen der Weltwirtschaftskrise konfrontiert wurde und sich mit pazifistischen Themen zu beschäftigen begann. Nach seiner Rückkehr übernahm er einen Lehrauftrag an der Berliner Universität und leitete außerdem die neue, 1931 von Otto Dibelius eingerichtete Studentengemeinde, die aber schon 1933 wieder aufgelöst wurde. Im November 1931 wurde Bonhoeffer an der St. Matthäus-Kirche in Berlin-Tiergarten zum Pfarrer ordiniert, wo er sich rasch einen Ruf als guter Prediger erwarb. Nachdem er sich zweimal erfolglos um eine Pfarrstelle im Berliner Osten beworben hatte, wurde er Jugendsekretär des ökume­nischen Weltbundes für die Freundschaftsarbeit der Kirchen (WFK). Die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 nahm er im Unterschied zu vielen Protestanten sehr kritisch auf. Am 1. Februar 1933 hielt Bonhoeffer einen Rundfunkvortrag über »Wandlungen des Führerbegriffs«, in dem er unverhohlen vor einer totalen Machtfülle des Führers warnte, woraufhin die Sendung mittendrin abgebrochen wurde. Kurz danach - am 7. April 1933 trat der sog. Arierparagraph in Kraft - veröffentlichte er einen kritischen Aufsatz zur beginnenden Judenverfolgung (»Die Kirche vor der Judenfrage«) und thematisierte damit als einer der ersten evangelischen Theologen das Verhältnis der NS-Rassenideologie zum christlichen Glauben. Nach den vom Staat kurzfristig anberaumten Kirchenwahlen am 23. Juli 1933, die die »Deutschen Christen« mit rund 70 % gewannen, und der Einführung des Arierparagraphen in der evangelischen Kirche schlug Bonhoeffer den oppositionellen Pfarrern den Austritt aus der »Deutschen Evangelischen Kirche« vor, fand jedoch kaum Unterstützung. Daraufhin gründete er mit Martin Niemöller und anderen den Pfarrernotbund zum Schutz der bedrohten Amtsbrüder jüdischer Herkunft. Noch vor der Wahl Ludwig Müllers zum Reichsbischof am 27. September 1933 entwarf er ein kritisches Flugblatt (»Der Arierparagraph in der Kirche«), das er nachts zusammen mit Freunden an Bäumen und Laternen anbrachte.

Ab Oktober 1933 trat Bonhoeffer eine Auslandspfarrstelle in London an, wo er zahlreiche ökumenische Kontakte knüpfte und Unterstützung im deutschen Kirchenkampf erhielt. Bei einem ökumenischen Jugendtreffen in Dänemark im Jahr 1934 rief er die Christen in Deutschland auf, »entweder Christ oder Nationalist« zu sein. Nach seiner Rückkehr aus London übernahm Bonhoeffer die Leitung eines Predigerseminars der inzwischen gegründeten Bekennenden Kirche, das 1937 verboten wurde. Durch seinen Schwager Hans von Dohnanyi kam Bonhoeffer mit dem militärischen Widerstand in Berührung. Angesichts der offenkundigen Kriegsvorbereitungen der Nationalsozialisten versuchte er 1939 die christlichen Kirchen in der Ökumenischen Bewegung zum Widerstand zu bewegen. Er hätte ins Exil gehen können, schlug aber das Angebot, einen Lehrstuhl in New York zu übernehmen, aus und kehrte nach einer Reise in die USA und nach England nach Berlin zurück. Im August 1940 erhielt er wegen seiner »volkszersetzenden Tätigkeit« Redeverbot, im März 1941 auch Schreibverbot. In seinem unvollendeten Hauptwerk (»Ethik«) bejahte er die in Kreisen des Widerstandes heftig umstrittene Frage des Tyrannenmordes. 1941/42 unternahm er zusammen mit Helmuth von Moltke Reisen nach Norwegen, Schweden und in die Schweiz. Dabei informierte er den anglikanischen Bischof Bell über die Ziele des Widerstandes; eine Unterstützung lehnte der britische Außenminister jedoch ab. Nachdem im März 1943 Wehrmachtsoffiziere mit Anschlägen auf Hitler gescheitert waren, wurde Bonhoeffer am 5. April 1943 zusammen mit seinem Schwager Hans von Dohnanyi wegen Wehrkraftzersetzung verhaftet. Zunächst kam es nicht zur Anklageerhebung, weil höhere Beamte mit Verbindung zu Widerstandskreisen das Verfahren verschleppten. Erst nach dem gescheiterten Stauffenberg-Attentat vom 20. Juli 1944 fiel der Gestapo ausreichendes Beweismaterial in die Hände. Im Oktober 1944 wurden Bonhoeffer, Canaris, Dohnanyi, Oster und andere im Keller der Berliner Gestapo-Zentrale als »persönliche Gefangene« Hitlers inhaftiert. Im Januar 1945 erfolgte die Verlegung in das KZ Buchenwald, Anfang April in das KZ Flossenbürg. Am 5. April 1945 ordnete Adolf Hitler die Hinrichtung der noch lebenden »Verschwörer« des 20. Juli an. Nach einem kurzen Scheinprozess - ohne Verteidiger, ohne Akten, ohne Zeugen - wurde Bonhoeffer am frühen Morgen des 9. April erhängt. Nach den Aussagen des Lagerarztes habe er ruhig und gesammelt gewirkt, sich von allen Mithäftlingen verabschiedet und an der Richtstätte ein kurzes Gebet gesprochen, bevor er zum Galgen trat. Seine letzten Worte sollen gelautet haben: »Das ist das Ende, für mich der Beginn des Lebens.«

Die Justiz der Nachkriegszeit tat sich mit der rechtlichen Bewertung des Scheinprozesses gegen die Widerständler schwer: 1956 kam der Bundesgerichtshof zum Ergebnis, dass das SS-Standgericht ordnungsgemäß handelte, da es dem damals geltenden Recht entsprach. Erst durch das Gesetz zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile in der Strafrechtspflege in den 1990er Jahren wurden NS-Unrechtsurteile für nichtig und damit auch Bonhoeffer förmlich für unschuldig erklärt. Auch die Kirche tat sich zunächst nicht leicht: So protestierten in Bielefeld noch 1948 einige Pastoren, als eine Straße nach Bonhoeffer benannt werden sollte, weil sie ihn dem politischen Widerstand zurechneten und nicht als Märtyrer aus Glaubensgründen betrachteten.

Bonhoeffer hat ein umfangreiches theologisches Werk hinterlassen, auf das hier nicht weiter eingegangen werden kann. Viele seiner Sätze waren für den Protestantismus prägend, etwa dieser: »Die Kirche ist nur dann Kirche, wenn sie für andere da ist.« Sein persönliches Glaubensbekenntnis hat er zur Jahreswende 1942/43 formuliert: »Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein. Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten. Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.«

Jörg Klingbeil

Gastfreundschaft als Bereicherung

Dieser Beitrag ist der letzte des Jugendsaals zum Thema "Gastfreundschaft".

Der heutige Sprachgebrauch des Wortes »Gastfreundschaft« beschreibt die vorübergehende Aufnahme, Bewirtung und/oder Beherbergung für Fremde, aber auch für Freunde und Familienmitglieder. Gastfreundschaft sollte ehrlich, großzügig, herzlich und - soweit möglich - wechselseitig erfolgen.

1. Einseitige und wechselseitige Gastfreundschaft: Einseitig heißt dabei, ohne Erwartung einer Gegenleistung, Fremde als Gäste aufzunehmen - zum Beispiel als christliches Ideal; wechselseitige Gastfreundschaft andersherum wird stets nur für eine Gegenleistung verübt. Im alten Griechenland führte diese Wechselseitigkeit oft zu Verpflichtungen und schuf damit die Basis für Bündnisse und Frieden.

2. Offene und ausschließende Gastfreundschaft: offen bedeutet, alle werden aufgenommen, wie im beduinisch-arabischen Raum, wobei besonders der durchreisende Gast aufzunehmen war. Ausschließende Gastfreundschaft findet man dagegen z.B. im alten Griechenland, wo Angehörige einer bestimmten Gruppe aufgenommen wurden, Fremde dagegen nicht.

3. Geregelte und freiwillige Gastfreundschaft: Unter geregelter Gastfreundschaft ist hier die unumstößliche Pflicht eines Gastgebers zu verstehen, einen Fremden aufzunehmen und sein Überleben zu sichern - diese Regel existiert zumeist in sehr lebensfeindlichen Umgebungen (wie der Wüste im beduinischen Raum). Freiwillig ist die Beherbergung eines Anderen dagegen in der »westlichen Welt«, in der ein gut ausgebautes Netz von Gaststätten und Hotels auch andere Möglichkeiten der Unterbringung schafft.

4. Begrenzte und unbegrenzte Gastfreundschaft: In vielen Kulturen gelten drei Tage als Rahmen für die Aufnahme von Gästen; oder aber es steht dem Gast frei, wie lange er bleibt, oft aber auch in Ermangelung einer Alternative (Bsp. Asyl).

Jede konkrete Situation von gelebter Gastfreundschaft spiegelt diese Dimensionen in unterschiedlichen Mischungen und Schattierungen wider. Wenn man sich vor Augen führt, dass der Fremde, der Unbekannte, der eindringt in den eigenen Lebensraum, von Natur aus zunächst einmal als Bedrohung und mögliches Unheil empfunden wird, so darf Gastfreund­schaft keineswegs als etwas Naturgegebenes verstanden werden. Sie ist eine großartige Kulturleistung und besonders in Gesellschaften ohne starke Institutionen und Infrastruktur konnte das Vertrauen auf die Aufnahme eines Reisenden dessen Überleben sichern und war somit eine wichtige Grundlage für Handel und Austausch. Denn sie war nicht nur gastliche Aufnahme, sondern umfasste den absoluten Schutz. Sie ist in sämtlichen Kulturen weitest­gehend als religiös fundierte Praxis verankert, in den polytheistischen Religionen gleicher­maßen wie in Christentum, Judentum und Islam.

Gastfreundschaft als gelebte Nächstenliebe ist auch in der Bibel von grundlegender Bedeutung. Dort begegnet uns die Gastfreundschaft vielfach im Alten Testament als bemerkenswertes Merkmal des orientalischen Lebens (z.B. verwirklicht in 1.Mos 18, 1-8 bei Abraham - wir haben die Geschichte bereits in Pedros Beitrag gehört). Dort begreift Abraham erst im Nachhinein, dass die Fremden, die er bewirtete, Gottes Boten gewesen waren - ein verbreitetes Motiv in den Geschichten vieler Kulturkreise. Ovid zum Beispiel erzählte, wie die Götter Zeus und Hermes ein ums andere Mal unerkannt über die Erde reisten, um die Herzen der Menschen zu prüfen. Zu ihrem Verdruss aber wurden sie überall hartherzig abgewiesen, bis sie eines Tages an der Hütte eines armen Ehepaars anklopften. Die Tür öffnete sich und Philemon und ­Baucis bescherten ihnen eine bescheidene, aber herzliche Aufnahme. Dabei geschah es auf wundersame Weise, dass die Teller und Holzbecher stets gefüllt blieben, soviel sie davon auch aßen und tranken. Zum Lohn wurden Philemon und Baucis nicht nur vor der Sintflut bewahrt, die anschließend über das ungastliche Menschengeschlecht herein­brechen sollte, sondern ihre Hütte verwandelte sich in einen Tempel. Sie durften einen Wunsch äußern und wünschten sich, in diesem Tempel zeitlebens gemeinsam dienen und gemeinsam sterben zu dürfen. Ihr Wunsch erfüllte sich, und nach ihrem Tod wurden sie in zwei Bäume verwandelt, die aus einer Wurzel wuchsen (Ovid, Metamorphosen 8). Wie in vielen anderen Geschichten zeigen sich auch hier gerade diejenigen als großzügig, die wenig haben, und letztendlich bleiben sie als wahre Beschenkte zurück.

Auch im Neuen Testament begegnen wir der Gastfreundschaft an vielen Stellen. Jesus selbst nimmt vielfach Gastfreundschaft in Anspruch und auch er selbst zeigt sich als demütiger Gastherr - man denke nur daran, wie er seinen Jüngern zum Mahl die Füße wusch. Die Fußwaschung hat ihren Ursprung im religiösen Reinigungsritus. Was immer ein Fremder an Gefahrvollem, Schuld und böser Absicht mit sich bringt, wird zumindest für die Dauer seines Besuchs abgewaschen. Neben der Tatsache, dass Jesus selbst sich »herablässt«, seinen Gästen alle Dienste eines Gastgebers entgegenzubringen, empfinde ich es als besonders bemerkenswert, dass es zumeist die Ausgestoßenen, Armen und Schwachen sind, derer er sich annimmt. Denn es ist einfach, dem Freund und Bruder Gastfreundschaft zu erweisen, auch wenn es vielleicht Arbeit bedeutet. Einem Fremden Tür und Herz zu öffnen erfordert sehr viel mehr - ist aber Basis eines christlichen Miteinanders. Hier ist jeder einzelne von uns gefordert, Brücken zu bauen und über seinen eigenen Schatten zu springen - wir selbst könnten am Ende als die wahren Beschenkten zurückbleiben. Insgesamt nimmt die Gastfreundschaft im Neuen Testament einen festen Platz in der christlichen Ethik ein. So heißt es in 1. Petrus 4, 7 »Seid gastfrei untereinander ohne Murren« oder »Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt« (Hebräer 13, 2). Hier schließt sich wiederum der Kreis zu Abraham und der Geschichte von Ovid.

Und auch wenn wir nicht erwarten können, Engel oder Boten Gottes bei uns zu Gast zu haben, so sollten wir gerade in unserer multikulturellen Gesellschaft Fremden nicht mit Argwohn und Abgrenzung begegnen, sondern jeden Austausch als Bereicherung empfinden. Ich bin sicher, dass jeder von uns in diesem Bereich an sich arbeiten kann. Es wäre schön, wenn wir uns hier ein Beispiel an anderen Kulturen nehmen könnten, in denen Gastfreund­schaft keine Frage der Zeit und Bequemlichkeit, sondern eine Frage der Ehre und der positiven Begegnung ist. Sicher hat jeder von uns schon Gastfreundschaft erfahren und sie besonders in Zeiten der Not als ganz besondere Bereicherung empfunden.

So durfte auch ich auf meinen bisherigen Reisen bei vielen Familien zu Gast sein. Beson­ders bei meinem Australien-Austausch fand ich Unterkunft bei mir wildfremden Menschen, die mich aufnahmen, als wäre ich ein Mitglied der Familie. Und auch das ist ein so schöner Aspekt der Gastfreundschaft: sie wirkt weiter, wenn man sie selbst erfahren durfte. Jeder, der einmal selbstlose Gastfreundschaft erleben durfte, empfindet das Verlangen, selbige weiterzugeben.

Auf der Seite: Ich-bin-Gastfreund.de bin ich auf folgende Gebote der Gastfreundschaft gestoßen, an denen wir uns vielleicht für ein gastfreundlicheres, ein fremdenfreundlicheres Miteinander orientieren könnten.

Christine Klingbeil

 

Behandle deine Gäste so, wie Du selbst gern als Gast behandelt werden möchtest.

Nähere Dich dem Fremden mit respektvoller Neugier.

Schenke Zeit.

Höre zu und sprich von Herzen.

Erfreue den Gast mit Wissen über seine Kultur und sei zu Hause in deiner eigenen.

Gib mehr als Du bekommst.

Suche die Balance zwischen Gemeinsamkeit und Freiraum.

Sorge für die Sicherheit Deiner Gäste.

Sei bereit, Freundschaft zu schließen.

Sieh Dein Land mit den Augen des Gastes und mehre bis zum nächsten Mal Schönheit und Glück.

 

Das ist aller Gastfreundschaft tiefster Sinn: dass einer dem anderen Rast gebe auf dem Weg nach dem ewigen Zuhause.

Romano Guardini

 

Diese "Gebote der Gastfreundschaft" lagen am Ausgang des Saals zum Mitnehmen.

Betrachtungen zur Johannes-Passion

Rückblick auf den Gemeindenachmittag mit Stephen Blaich am 8.März

In allen Kirchen wird während der Passionszeit an das Leiden Jesu in besonderer Weise gedacht. Dazu gehört unter anderem die Praxis des Fastens und Betens. Die Passion Jesu spiegelt sich aber ganz besonders in zahlreichen Werken der Kirchenmusik, so in Passionen, Kantaten, in Vertonungen des Stabat Mater, oder auch in der Vertonung der sieben letzten Worte Jesu am Kreuz.

Stephen Blaich ist Kirchenmusiker an der Stadtkirche in Metzingen. Er hat in der Passions­zeit mit seiner Kantorei die Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach einstudiert und während der Probenarbeit Erläuterungen zum Verständnis des Werkes und zur Bachschen Auslegung des Johannes-Evangeliums einfließen lassen. Betrachtungen zur Johannes-PassionDas gab den Anlass dazu, uns am Gemeindenachmittag in der TGD mit Hörbeispielen und seinen Interpretationen dieses hochinteressan­te Werk näher zu bringen - was ihm auch auf besondere Weise gelang. Ein Rückblick auf diesen Gemeindenachmittag allerdings vermag nur einzel­ne zentrale Teile seiner Auslegungen wiederzu­geben:

Der Eingangschor - in Anlehnung an Worte des 8. Psalms »Herr, unser Herrscher, dessen Ruhm in allen Landen herrlich ist« - ist ein mächtiges Chor­werk und gleichzeitig ein Gebet. Hier ist zunächst keine Rede von Klagen und Weinen, von Schuld und Sünde, von Opferlamm und Schmerzensmann. Im Mittelpunkt dieses musikalischen Passionsgemäldes steht der »Herr«, dreifach angerufen. Er selbst soll den hörenden Betrachtern gangbare Wege zur Passion zeigen. Heißt es doch im Mittelsatz des gehörten Eingangschores: »Zeig uns durch deine Passion, dass du der wahre Gottessohn, zu aller Zeit, auch in der größten Niedrigkeit, verherrlicht worden bist.«

Anders als in Bachs Matthäuspas­sion, die mit ihrer doppelchörigen Struktur und dem ungleich empathischeren Deuten des leidenden Christus eine größere dramatische Wucht entwickelt, ist die Johannes-Passion nüchterner und trotz aller packenden Dramatik der Tuba-Chöre mehr am Blick über das Geschehen bis zum Kreuz hinaus interessiert. Wo Jesus im Passionsbericht des Matthäus leidet und schreiend fragt »Mein Gott, warum hast du mich verlassen?« sind die letzten Worte Jesu nach dem Passionsbericht des Evangelisten Johannes geradezu abgeklärt: »Es ist vollbracht.«

So steht denn auch zu Beginn der Johannes-Passion das Lob des Herrschers »in allen Landen« und zu allen Zeiten vor der Frage nach dem "Warum" der Leiden, die Jesus im Folgenden erwarten. Und so geht denn auch der Blick zum Schluss des Werkes, wenn die Gebeine, »die ich nun nicht länger beweine«, im Grabe liegen, gleich zum Himmel, der durch das Grab aufgeschlossen wird und zu dem die Gläubigen durch die Engel des Herrn geleitet werden.

Dieser Blickwinkel schließt sich direkt an das lateinische Requiem an, an dessen Schluss »In Paradisum« die Verheißung steht, dass die Seele des Gläubigen durch Gottes Engel ins Paradies begleitet wird.

Bei Bach heißt es diesbezüglich im Schluss-Choral »Ach Herr, lass dein lieb Engelein am letzten End die Seele mein in Abrahams Schoss tragen.«

Ein wesentlicher Aspekt bei Bachs Passionen sind die evangelischen Kirchenlieder, die auf die reformatorische Gottesdienstordnung von Martin Luther zurückgehen. Bachs Einbindung der bekannten Kirchenlieder hatte daher zwei Wirkungen: Der Bibeltext regte zum persön­lichen Bekenntnis an und die Texte der bekannten und oft gesungenen Kirchenliedstrophen wurde durch ihre Platzierung in einen direkten Zusammenhang mit der jeweiligen Passions­aussage gestellt. Stephen ließ uns dies teilweise dadurch nachvollziehen, dass er relevante Choräle in die Andacht einbezog, so z.B. »O große Lieb, o Lieb ohn alle Maße« oder »Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen«.

Durch hervorragende Wiedergabe einzelner Chorsätze und Arien der Johannes-Passion erlebten wir dieses Werk auf eindringliche Weise. Fehlte zum Schluss nur noch das unmittelbare Erlebnis der Aufführung des Konzerts in der Stadtkirche in Metzingen durch die Martinskantorei und das Collegium Musicum Stuttgart.

Wolfgang Blaich

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