Die Warte des Tempels

Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 171/11 - November 2015

 

 

Dunkle Materie und Gottes Wille - Anselm und Michael Grün

Sterben und sterben lassen - Brigitte Hoffmann

Wir - Kinder Gottes? - Wolfgang Blaich

Lichtzeichen - Peter Lange

Aus dem Tagebuch des Archivleiters - Peter Lange

Dunkle Materie und Gottes Wille

Der Benediktiner Anselm Grün ist einer der bekanntesten geistlichen Autoren. Sein Bruder Michael unterrichtete Physik und Mathematik. In einem gemeinsamen Buch loten sie aus, ob die moderne Physik mit dem Gottesglauben vereinbar ist.

 

Physik und Religion

Von Michael Grün

 

Drei wichtige Teilbereiche der Physik haben im 20. Jahrhundert einen Paradigmenwechsel im Verhältnis von Physik und Religion herbeigeführt: Dies sind die Quantenphysik, die spezielle Relativitätstheorie zusammen mit der allgemeinen Relativitätstheorie und viele seit etwa 1925 gemachte Entdeckungen in der Kosmologie. Ich möchte - sehr unvollständig und teilweise vereinfachend - aus diesen drei Bereichen einige Erkenntnisse schildern, die für die momentane Stellung der Physik zur Religion relevant sind.

Noch 1920 glaubten mit Albert Einstein fast alle Physiker, das Universum sei ein statisches Gebilde, in dem nur im Sonnensystem Bewegungen ablaufen würden, die man mit den Newtonschen Bewegungsgesetzen beschreiben könne. Ab 1925 entdeckten jedoch zuerst Vesto Slipher und dann vor allem 1928 Edwin Hubble, dass das Universum gar nicht starr ist, sondern dass da eine gewaltige Dynamik herrscht. Es ist so, dass sich fast alle Milchstraßen voneinander weg bewegen, und je weiter eine Milchstraße von uns entfernt ist, desto schneller bewegt sie sich fort. Es dauerte noch rund zwanzig Jahre, bis man sich traute, eine logische Folgerung aus dieser Erkenntnis heraus zu formulieren. 1948 veröffentlichten Ralph Alpher, Hans Bethe und George Gamow die heute von fast allen Physikern akzeptierte Urknalltheorie …

Sofort nach Postulierung des Urknallmodells kam die Hoffnung auf, dass - wenn man die Vergangenheit des Universums berechnen könne - vielleicht auch seine Zukunft berechenbar sei. Vor allem interessierte, ob die Expansion des Weltalls immer weitergehen wird oder irgendwann zum Stillstand kommt - wobei sich dann anschließend durch die Gravitation der Massen im Weltall das Universum wieder zusammenziehen müsste. Die entscheidenden Größen zur Berechnung der Zukunft des Universums sind die Ausdehnungsgeschwindigkeit und die Menge an Substanz im Weltall. Nachdem die Ausdehnungsgeschwindigkeit bis 1980 schon ziemlich genau bekannt war, reduzierte sich das Problem auf die noch nicht bekannte Menge an Materie beziehungsweise Energie. Doch auf der Suche danach musste man etwas Verblüffendes erkennen: Von dem, was sich im riesigen Weltall befindet, bestehen nur etwa fünf Prozent aus uns vertrauter Materie oder Energie - aus dem, was nach dem »Standard­modell der Teilchentheorie« alle unsere Materie ausmacht, seien es kleine Atome, seien es uns vertraute Körper oder so große Gebilde wie Sterne oder gar Schwarze Löcher. Weitere 27 Prozent der Substanz des Universums sind etwas, das uns völlig fremd ist und von dem wir nur wissen, dass es sich und unsere Materie durch die sogenannte Gravitationskraft anzieht. Wir nennen es »Dunkle Materie«. Und etwa 68 Prozent der Substanz des Universums sind noch viel rätselhafter: Sie bestehen aus etwas, das antigravitativ, also auseinandertreibend wirkt. Wir nennen es »Dunkle Energie«. Das heißt, von dem, was sich im riesigen Universum befindet, sind uns 95 Prozent völlig unbekannt. Was das für Auswirkungen auf uns hat, entzieht sich unserer Kenntnis...

Hätte Immanuel Kant die Erkenntnisse der heutigen Kosmologie besessen, so wäre dies für ihn ein weiterer wichtiger Grund gewesen, Gott als Postulat der praktischen Vernunft anzu­nehmen. Und wenn ein Gott dieses Weltall gemacht hat, dann muss dieser Gott noch viel großartiger sein, als es sich die Menschen in früheren Jahrhunderten vorstellen konnten.

Auf ganz anderem Weg haben die Relativitätstheorie und die Quantenphysik das Verhältnis von Physik und Religion beeinflusst. Beide haben die klassische Physik in ihren Grundfesten erschüttert. Wohl uns allen liegt ein Zeitbegriff zugrunde, der auch der Zeitbegriff der klas­sischen Physik ist und der von Isaac Newton so definiert wurde: »Die absolute, mathematische Zeit fließt von sich aus und gemäß ihrem Wesen gleichförmig und ohne Rücksicht auf irgendwelche äußeren Dinge.« Die Relativitätstheorien lehren uns jedoch, dass dieser Zeitbegriff falsch ist, dass die Zeit durchaus nicht ohne Rücksicht auf irgendwelche äußeren Dinge gleichmäßig verläuft. Die spezielle Relativitätstheorie sagt, dass die Zeit für einen Körper von seiner Geschwindigkeit relativ zu einem anderen abhängt - je schneller ein Körper sich bewegt, desto langsamer vergeht die Zeit. Und nach der allgemeinen Relativitätstheorie hängt die Zeit auch vom Gravitationspotenzial ab, in dem sich ein Körper befindet. Die Zeit ist demnach etwas Relatives, Albert Einstein meinte sogar, eine Illusion … Diese Relativität der Zeit hat Konsequenzen für ein mögliches Gottesverständnis und andere religiösen Vorstel­lungen: Wenn etwa Gott ein reines Geistwesen ist, nicht gebunden an Materie, wird für ihn die Zeit ganz anders verlaufen als für uns. Damit werden etwa die Aussagen von Nikolaus von Kues verständlich, der Gott mit der Ewigkeit gleichsetzt und Gott als die »coincidentia oppositorum« definiert, als das Zusammenfallen alles Gegensätzlichen und ganz besonders das Zusammenfallen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft meint …

Stärker noch hat die Quantenphysik die klassische Physik ins Wanken gebracht und am nachhaltigsten das Verhältnis von Physik und Religion verändert … Kein ernsthafter Quantenphysiker leugnet heute noch die Nicht-Objektivität und die Nicht-Lokalität. Die Nicht-Lokalität lehrt uns, dass die Dinge nicht so primitiv, seelenlos, lokal beschränkt sind, wie die klassische Physik es lehrte. Kein Teilchen ist isoliert, sondern ein jedes hat »Ahnung« von der ganzen Umgebung, von der ganzen Welt. Die ganze Welt beeinflusst ein jedes Teilchen, und ein jedes Teilchen beeinflusst die ganze Welt. Der wohl renommierteste Philosoph der letzten Jahrzehnte unter den Quantenphysikern, Hans-Peter Dürr (1929-2014), drückt das so aus: »Der individuelle Mensch ist mit dem ganzen Kosmos verbunden.«

Von dieser Vorstellung ist in vielen Religionen eine uralte Ahnung da, ganz besonders im Hinduismus und Buddhismus. Aber auch in der christlichen Mystik und in vielen Mönchsorden …

 

Ein neues Gottesbild

Von Anselm Grün

 

Viele Naturwissenschaftler sind offen für etwas, das größer ist als die Materie. Sie sind offen für den Geist, für die Transzendenz, für das Göttliche. Aber sie können oft nichts mit einem persönlichen Gott anfangen. Doch da ist immer die Frage, wie sie diesen persönlichen Gott verstehen. Meistens haben sie ein zu kleines Bild von Gott als Person. Sie identifizieren Gott mit einer menschlichen Person, die gleichsam in Übergröße und mit unendlicher Weisheit über allem steht. Doch dann wäre Gott wieder ein Ding unter anderen Dingen. Gott ist weder ein innerirdisches noch ein überirdisches Wesen und auch kein außerirdisches Wesen. Gott ist auch nicht identisch mit dem Kosmos. Hans Küng drückt es so aus: »Gott ist in diesem Universum, und dieses Universum ist in Gott! Zugleich ist Gott größer als die Welt. Man könnte die Welt nach Augustinus vergleichen mit einem Schwamm, schwimmend gehalten im ewigen, unendlichen Meer der Gottheit.«

Doch zugleich müssen wir als Theologen daran festhalten, dass Gott auch Person ist. Aller­dings müssen wir das Personsein Gottes richtig verstehen. Gott ist nicht eine Super-Person. Gott sprengt den Personenbegriff: Gott ist mehr als Person!

Aber Gott ist auch nicht weniger als Person. Gott ist immer beides: persönlich und über­persönlich … Gott als Person dürfen wir uns nicht so vorstellen, als ob Gott wie ein Mensch von außen die Welt Zwei Seiten einer Medaillekonstruiert hat und sie dann laufen lässt. Er ist auch nicht ein Gott, der dann immer wieder einmal von außen eingreift, wenn wir ihn darum bitten … Wir beten zu Gott als Person. Wir richten uns an ein Du, ein Gegenüber. Doch dieses Du ist unsagbar und unbegreiflich. Aber wenn wir das Du Gottes und das Du eines anderen Menschen betrachten, gibt es durchaus Paral­lelen. Denn wir wissen letztlich auch nicht, wer das Du des anderen Menschen ist. In der Begegnung mit dem Du erahnen wir auch das Geheimnis des anderen, das wir nicht mehr fassen können … Als Christen leben wir diese Spannung zwischen dem unbegreiflichen Gott, von dem alles, was wir sagen, letztlich nicht zutrifft, und dem Du, dem wir begegnen und in dessen Begegnung wir verwandelt werden.

Der Text ist ein von der Zeitschrift »Publik-Forum« zusammenge­stellter Vorabdruck aus dem Buch »Zwei Seiten einer Medaille« von Anselm und Michael Grün (Vier-Türme-Verlag, 128 Seiten, 14,99 €)

Sterben und sterben lassen

Als ich das Motto des diesjährigen Kirchentags zum ersten Mal las - »… auf dass wir klug werden« -, wurde ich regelrecht zornig: ich empfand es als Betrug, als eine Verfälschung. Der Halbsatz steht im 90. Psalm, und dort heißt der vollständige Satz: »Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.« Ohne den Hauptsatz verliert das »klug werden« seinen Sinn, es verfälscht ihn geradezu, denn bei »klug« alleine assoziiert man eher »klug wie die Schlangen« - und genau das ist nicht gemeint.

Der Satz ist Teil eines Gebets - es geht nicht um Klugheit für den Erfolg in der Welt, sondern um das Erkennen dessen, »was Gott von uns will«. Das kann bei verschiedenen Menschen und bei der Verschiedenheit unserer Gottesvorstellungen ganz Verschiedenes sein - aber immer geht es darum, ob und wie wir unser Leben und unseren Tod eingebunden sehen in ein spirituelles Ganzes, das unendlich größer ist als wir und unser Denken, das wir glauben oder fühlen, aber nicht beweisen und wirklich erkennen können. Deshalb sind unsere Vorstellungen vom Tod ganz unterschiedlich: vom individuellen »Eingehen zu Gott« über die Auflösung alles Individuellen beim Eingehen ins All, von der Wiedergeburt bis zur Überzeugung, dass mit dem Hirntod alles zu Ende sei. Unsere Einstellung zum Sterben hängt eng damit zusammen, aber auch mit unseren Erbanlagen, der Kultur, in der wir aufwachsen, unseren Lebensumständen. Die Erfahrung zeigt, dass man mit jeder dieser Vorstellungen ein glückliches und auch ein ethisch gutes Leben führen kann. Sie werden oft mit ethischen Argumenten diskutiert, haben aber mit Ethik, zumindest mit der im Alltag praktizierten, nur indirekt zu tun.

Das Sterben-Lassen, der zweite Teil meiner Fragestellung, ist sehr viel enger mit unserem gelebten Alltag verbunden und wird - deshalb? - sehr viel stärker und emotionaler als ethi­sches Problem empfunden, ein Problem, mit dem jeder von uns jederzeit konfrontiert werden kann: wie gehen wir um mit unheilbar Erkrankten, Leidenden, Suizid-Gefährdeten, die selbst sterben wollen? Für mich ist das der Grund, warum ich diesen Artikel überhaupt schreibe.

Eine für alle gültige Antwort kann es nicht geben, jeder Einzelfall ist anders. Ich kann nur versuchen, einige Aspekte zu beleuchten, die vielleicht eine Entscheidungshilfe sein können. Und was ich dazu sagen möchte, ist meine persönliche Meinung, die vielleicht manche nicht teilen werden. Aber gerade deshalb denke ich, wir sollten offen darüber reden und streiten, statt, wie es dem Zeitgeist entspricht, um Tod und Sterben in der öffentlichen Diskussion einen großen Bogen zu machen. Leserzuschriften dazu sind noch willkommener als sowieso schon.

Für manche ist der Tod der ultimative Feind, den es zu besiegen gilt: wenn man ihn schon nicht verhindern kann, dann soll man ihn möglichst lange hinaus­schieben. Vom Gefühl her ist das vielleicht zu verstehen. Rational betrachtet, steckt darin ein doppelter Denkfehler. Wir können den Tod nicht »besiegen«. Alles ­höhere Leben hat ein Verfallsdatum, früher oder später. Selbst Bäume, die Hunderte von Jahren alt werden können, sterben irgendwann einmal ab, auch ohne äußere Einwirkung. Unsterblich sind nur die Einzeller, die sich durch Zellteilung vermehren. So verändern sie sich in Jahrmillionen nicht oder nur minimal.

Damit bin ich beim zweiten Denkfehler. Alles höhere Leben ist differenziertes Leben, das sich selbst reproduziert dadurch, dass schon in der kleinen Pflanze eine Ei- und eine Samen­zelle sich verbinden und ein neues Lebewesen zeugen, auf der ganzen Erde, millionenfach in jeder Sekunde. Dabei gibt es laufend Mutationen - eigentlich Konstruktionsfehler, die bewirken, dass das Erbgut des neuen Wesens ein klein wenig anders ist als das seiner Eltern. Wenn die Veränderung schädlich ist für das Überleben, stirbt das Einzelwesen. Wenn sie nützlich ist, entsteht eine neue Art, neben der alten oder in Konkurrenz zu ihr. Dann stirbt die alte allmäh­lich aus. Über Jahrhundertausende hinweg entstand so die unendliche Fülle der Lebewesen, die wir noch längst nicht alle kennen und die wir als einen wunderbaren Reichtum betrachten. Zusammengefasst heißt das: der Tod ist die Grundlage allen höheren Lebens, aller Entwick­lung und aller Differenzierung. Warum tabuisieren wir ihn - und mit ihm zugleich die Frage nach dem Freitod und der Hilfe dazu?

Dahinter steht wohl die Angst. Die Angst vor dem Tod gibt es weltweit, vielleicht in manchen Kulturen mehr, in anderen weniger. Offenbar ist der Lebenswille oder, bei Wesen ohne eigenen Willen wie z.B. Pflanzen, der Drang zur Erhaltung der Art in den Genen angelegt. Er ist eine Art Überlebenshilfe im Gang der Evolution. Dazu kommt die Angst vor dem Unbekannten, vor der letzten, unwiderruflichen Veränderung. Und Veränderung, auch eine zum vermeintlich Bes­seren, tut zumindest am Anfang fast immer auch weh.

Im Gegensatz dazu ist die Verurteilung des Selbstmords ein christliches Phänomen. Sie findet sich nicht überall dort, aber fast nur dort, wo das Christentum herrschende Religion war oder ist. Noch bis weit ins 19. Jahrhundert hinein galt der Selbstmord als die schlimmste Sünde, weil sie zwischen Tat und Tod keinen Raum ließ für Reue, Beichte, Buße und Abso­lution. Das hängt vielleicht mit katholischer Ritualgläubigkeit und protestantischer Betonung der Ethik zusammen, aber das ist Spekulation. Tatsache ist, dass in manchen Ländern und abgelegenen Regionen Selbstmord verboten und mit harten Strafen belegt ist. Selbstmörder wurden nicht auf dem Friedhof beerdigt, sondern in einem abgelegenen Winkel verscharrt.

Das gibt es heute nicht mehr, aber in vielen Milieus gibt es starken Widerstand gegen jede Lockerung des Verbots. Die Argumente dafür sind meist dürftig. Wo Evangelikale sich auf die Bibel berufen, ist das entweder leichtgläubiger Irrtum oder Betrug, denn in der Bibel kommt das Thema schlicht nicht vor. Entweder gab es keine oder fast keine Suizide, oder sie waren religiös nicht relevant.

Heute dagegen hört man von Suizid-Gegnern immer wieder ein religiöses Argument: das Leben ist ein Geschenk Gottes an uns, und es ist ein schwerer Verstoß gegen seinen Willen, wenn wir es leichtfertig wegwerfen. Und wenn das Weiterleben Leiden bedeutet, so ist das ein Erziehungsmittel Gottes. Es bewirkt, dass wir uns ihm wieder mehr zuwenden, einen neuen Sinn im Leben finden. Wir sollen Gott nicht ins Handwerk pfuschen, sondern das Schicksal, das er uns zugedacht hat, in Demut annehmen. Das ist anmaßend gegenüber Gott, den man damit für die eigenen Zwecke instrumentalisiert, und unbarmherzig gegenüber den Betrof­fenen, deren Leiden ein anderer nicht nachvollziehen kann. Und wenn man das »in Demut annehmen« Ernst nimmt, dann richtet es sich nicht nur gegen den Suizid, sondern gegen die gesamte Medizin. Mit genau diesem Argument wehrten sich vor etwa 100 Jahren die Frommen - auch viele der frühen Templer - gegen das Impfen. Heute würden wohl nur Fana­tiker behaupten, dass sie Recht hatten.

Die Argumente der Gegenseite sind so offensichtlich, dass man sie kaum aufzuzählen braucht: den Betroffenen selbst und vor allem den pflegenden Angehörigen würde viel Leiden erspart (und den Krankenkassen viel Geld - aber darüber traut man sich nicht zu sprechen). Allein in meinem Bekanntenkreis kenne ich zwei Fälle, bei denen Ehefrauen über Jahre hinweg kein Eigenleben mehr hatten, weil sie ihre schwer pflegebedürftigen Männer zu Hause versorgten, bis sie selbst zusammenbrachen.

Heute ist die Situation ganz anders als vor 100 Jahren - und einigermaßen paradox. In den letzten Jahren gab es in den meisten Staaten Europas und Amerikas breit angelegte anonyme Umfragen zum Thema Suizid und Suizid-Beihilfe und Studien dazu. Solche Umfragen sind keine wissenschaftlichen Belege, aber da alle zu ähnlichen Ergebnissen kommen und einige davon mehrere Tausend Personen einbezogen, sind diese wohl relativ zuverlässig. Das Ergebnis: im Durchschnitt aller Befragten machen diejenigen, die für Abschaffung oder Lockerung des Verbots eintreten, 80-90 Prozent aus. Selbst im diesbezüglich restriktiven Polen (flächendeckend katholisch, starker Einfluss der Kirche) sind es noch 60 Prozent. Offenbar ist die Bevölkerung in diesem Punkt liberaler geworden. Ob und wie sich das auf die noch in diesem Jahr geplante Reform der deutschen Regelungen auswirkt, wird sich zeigen.

Zum derzeitigen Stand: der Suizid an sich ist bei uns nicht strafbar und damit auch die Hilfe dazu nicht, ob durch einen Arzt oder einen Angehörigen. Das gilt übrigens für alle Staaten außer England und fast allen Einzelstaaten der USA.

Aber dieses Totalverbot spielt in der Praxis kaum eine Rolle, denn niemand kann einen Sterbewilligen, der seine Absicht nicht bekannt macht, daran hindern, sich zu töten. Aber die meisten (die Schwerstkranken) brauchen oder wünschen sich eine ärztliche Begleitung. Die stellt einigermaßen sicher, dass der Tod tatsächlich eintritt und dass er nicht qualvoll ist. Deshalb ist die Frage der Beihilfe so wichtig, um die seit 10-20 Jahren in allen Staaten gestritten wird. Am anderen Ende der Skala haben oder wollen fast alle Staaten, auch die liberalsten - Paradebeispiel: die Schweiz - ein Minimalrecht des Staates zum Eingreifen: es soll Missbrauch verhindern. Was heißt das und wie macht man es?

Dazu einige Einzelbestimmungen und Gesichtspunkte am Beispiel Deutschlands. Wie schon gesagt: Suizid und die Hilfe dazu sind straffrei. Verboten ist dagegen die »unterlassene Hilfeleistung«. Diese Regelung zielt auf eine ganz andere Situation. Wer einen Bewusstlosen oder Schwerverletzten am Straßenrand findet und einfach weitergeht, ohne Hilfe zu rufen (Polizei, Rotes Kreuz u.a.), macht sich strafbar. Aber überzeugte Gegner des Freitods versuchen sie manchmal auch auf die Sterbehilfe anzuwenden. Dann drohen dem Arzt doch Gericht und Gefängnis. Auch die Abgrenzung der straflosen Beihilfe zur Selbsttötung von der strafbaren »Tötung auf Verlangen« ist in der Praxis schwierig.

Eine weitere Erschwernis: außer dem Staat, der Gesetze erlassen kann, spielt dabei auch die jeweilige deutsche Ärztekammer eine Rolle, ein von den Ärzten gewähltes Gremium mit einem Präsidenten. Diese entscheidet über die Approbation, d.h. über das Recht, als Arzt zu praktizieren. Wird sie verweigert, so bedeutet das ein lebenslanges Berufsverbot.

In der Praxis gewähren einige wenige Ärztekammern - z.B. Berlin und Brandenburg - die Approbation auch Ärzten, die Sterbehilfe leisten; die meisten nicht. Der Arzt muss also dorthin umziehen, kann dann aber im gesamten Bundesgebiet praktizieren.

Schon diese wenigen Details zeigen, wie komplex und vermint das Problem ist. Vielleicht ist das mit ein Grund für die Tatsache, dass nur wenige Ärzte bereit sind, selbst Sterbehilfe zu leisten: die Angst vor Berufsverlust und langwierigem juristischem Streit. Ein anderer kann die eigene persönliche Überzeugung sein, dass der Arzt Leben bewahren und nicht Leben beenden soll. Und bei vielen ist es wohl die Angst vor der seelischen Belastung, die damit verbunden ist. Das ist alles legitim. Deshalb darf kein Arzt dazu gezwungen werden. Und wahrscheinlich steckt eine Mischung von all dem auch hinter der restriktiven Haltung der meisten Ärztekammern.

Ein anderer, manchmal auch genannter Grund ist bei Kammern und Staat die Angst, dass mit einer Erleichterung der Sterbehilfe die Suizidzahlen hochschnellen würden. Dabei zeigen die in den Standesämtern vorliegenden Zahlen etwas anderes. In vielen Staaten, auch in Deutschland, gab es im letzten Jahrzehnt solche Erleichterungen. In den zwei bis drei Jahren danach stiegen die Zahlen rasant - nun kamen alle diejenigen, die schon lange nach einer Sterbehilfe gesucht hatten. Danach sanken sie wieder leicht und blieben auf etwa dieser Höhe. Der Freitod wurde also nicht, wie geunkt worden war, zu einer neuen Mode. Falls manche sich an die Legende erinnern, dass nach dem Erscheinen von Goethes »Die Leiden des jungen Werther« die Suizidfälle sich gehäuft hätten: die Überprüfung zahlreicher Kirchenbücher hat ergeben, dass das pure Legende war - es gab keine solche Häufung.

Ebenso fragwürdig ist ein anderes Argument der Sterbehilfe-Gegner: die Erleichterungen würden das Vertrauen zwischen dem Arzt und dem Patienten untergraben, nicht gesagt, aber gemeint: das Vertrauen aller Patienten. Das kann natürlich niemand beweisen oder wider­legen. Aber ich halte es für extrem ­unwahrscheinlich. Die große Mehrheit der Ärzte praktiziert keine Sterbehilfe. Wer seinem eigenen Arzt misstraut, kann also problemlos zu einem anderen gehen - so wie auch heute schon, wenn er mit der Behandlung unzufrieden ist.

Gut belegt durch private und öffentliche Berichte ist etwas ganz anderes: dass zwischen den Ärzten, die Sterbehilfe leisten, und ihren Patienten ein besonders enges Vertrauens­verhältnis entsteht. Denn diese können mit ihnen oft besser als mit den Angehörigen über ihre Motive und Probleme reden, oft in vielen stundenlangen Gesprächen.

»Leitlinie« in Deutschland: Sterbehilfe ist erlaubt, aber nur individuell, in gut begründeten Ausnahmefällen. Kein Arzt darf also von einer Sterbehilfe-Praxis leben, obwohl das problemlos möglich wäre: die Nachfrage übersteigt bei weitem die Kapazität der Ärzte. Das ist an sich schon ein Beweis in puncto Vertrauen.

Die juristische Formel »Suizidhilfe darf nicht gewerbsmäßig betrieben werden« gilt wie für jeden Arzt auch für Organisationen. Es gibt auch hierzulande - noch? - einen legalen Verein, der Hilfe für Sterbewillige bietet (Organisation, Vermittlung von Ärzten u.a.). Er darf keine Werbung machen (das wäre als »Ermunterung zum Suizid« strafbar) und keine Gebühren erheben und erhält erst recht keine staatliche Unterstützung. Er lebt von Spenden, und die fließen bei diesem Tabu-Thema natürlich spärlicher als für andere edle Zwecke, mit denen man das eigene Image aufpolieren kann.

Noch komplizierter und wesentlich schwerwiegender wird es bei der Frage, wer überhaupt für Suizidhilfe in Frage kommt. Inzwischen gilt in allen Staaten der Grundsatz: entscheidend ist der Wille des Patienten, denn wer nicht sterben will, sucht nicht nach Suizidhilfe.

Aber: es muss sichergestellt sein (wie?), a) dass der Entschluss frei und ohne Druck erfolgt, und b) in klarer Erkenntnis seiner Bedeutung. Daraus erwuchs ein Rattenschwanz an Einzel­kriterien, die einzeln oder in verschiedenen Kombinationen oder alle zusammen in verschie­denen Staaten (bei uns: Bundesländern) gültig sind.

Zu a): der Patient muss 1. an einer unheilbaren Krankheit leiden, an der er 2. in absehbarer Zeit (z.B. in 6 Monaten) sowieso sterben würde, 3. unerträgliche Schmerzen haben, 4. sämtli­che Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft haben.

Zu b): Damit scheiden alle Geisteskranken von vornherein aus, ebenso diejenigen, deren Krankheit mit einer allmählichen geistigen Demenz einhergeht. Weil hier Unterscheidungen schwierig sind, gilt das so allgemein in den meisten Staaten. Ich empfinde es als unmenschlich und möchte das an zwei betroffenen Gruppen deutlich machen.

1. Alzheimer-Patienten im frühen Stadium der Krankheit. Sie sind und bleiben körperlich gesund, weshalb sich die Krankheit über Jahrzehnte hinziehen und steigern kann, die Kranken wissen nicht mehr, wer sie sind, erkennen ihre Nächsten nicht mehr, finden sich auch in der vertrauten Umgebung nicht mehr zurecht. Bei manchen erhalten sich alte Charakterzüge wie Freundlichkeit, Rücksichtnahme - auch wenn sie die Rücksicht nicht mehr richtig einsetzen können. Andere verändern sich völlig, werden ­misstrauisch, aggressiv bis hin zur Gewalt­tätigkeit. In der Frühphase erkennen viele ihre Krankheit und wissen damit, was auf sie zukommen kann. Und manche suchen dann nach einer Möglichkeit, ihr Leben zu beenden, nicht sofort, aber wenn die letzte, möglicherweise für sie und die Angehörigen schlimme Phase beginnt, nach Beihilfe zum Suizid.

Ich verweise auf Professor Hans Küng: katholischer Theologe, tief gläubig, aber völlig frei vom Allwissenheitsanspruch seiner Kirche, über 80 Jahre alt. Er hatte den Mut, in seinem letzten, autobiographischen Buch »Erlebte Menschlichkeit« nicht nur öffentlich zu sagen, dass er Alzheimer hat, sondern auch, dass er sich die Mittel besorgt hat, sein Leben zu beenden, ehe er sich selbst als Person verliert. Damit verstößt er gegen die Gesetze seiner Kirche und, bedingt, gegen die des Staates, der ihn eigentlich in eine psychiatrische Klinik bringen müsste, um ihn »vor sich selbst zu schützen«, wie es so schön heißt. Meines Wissens hat niemand protestiert. Vielleicht ist auch das ein Stück »erlebte Menschlichkeit«.

2. Eine zweite Gruppe, die stark betroffen ist, sind die Depressiven. Sie sind oft noch ein­deutiger ausgeschlossen, weil Depression ja eine behandelbare Krankheit ist. Selbst manche Ärzte, die Sterbehilfe praktizieren, weisen Depressive ab.

Aber das »behandelbar« stimmt nur bedingt. Manche Formen lassen sich mit Medika­menten zwar nicht heilen, aber ziemlich sicher kontrollieren, so dass die Betroffenen ein nor­males, auch glückliches Leben führen können. Aber ich kenne in meinem eigenen Verwand­ten- und Freundeskreis drei Fälle von ­Personen (zwei mit ca. 30 Jahren und eine mit ca. 60) mit so häufigen, schweren, lang­anhaltenden Depressionsphasen, dass sie es nicht mehr aus­hielten. Trotz vieler verschiedener, aber erfolgloser Therapien, trotz einem liebevollen Umfeld, trotz hoher Begabung und äußerem Erfolg.

Ich habe selbst eine leichte depressive Veranlagung: seltene, kurze Phasen, erträglich eben, weil ich weiß, dass sie relativ schnell vorbeigehen. Aber von daher kann ich vielleicht ein bisschen nachempfinden, wie das ist: man hat an nichts mehr Freude, interessiert sich für nichts, hat Angst vor jeder Begegnung, weil man sich minderwertig fühlt - obwohl man gleichzeitig weiß, dass einem das wohl gut täte; aber man hat keine Energie dafür. Darf man jemanden zwingen, ein solches Leben weiterzuführen, das ihm nur eine Qual ist? Man kann es gar nicht. Alle drei haben sich selbst umgebracht, ohne Hilfe. Vielleicht hätte ihnen die Hilfe das Sterben etwas leichter gemacht.

3. Wie viel einfacher und damit leichter für alle Beteiligtem das Sterben-Lassen geregelt sein kann, zeigt das Beispiel der Schweiz. Dort ist es in jeder Form und für jedermann erlaubt, mit nur einer Ausnahme: wenn es aus eigennützigen Motiven geschieht (denkbar z.B. bei den potentiellen Erben). Es gibt legale Vereine, die Sterbehilfe anbieten; die wichtigsten: »Exit« und »Dignitas«. Beispiel Exit: Für einen Jahresbeitrag von 45 Euro kann man Mitglied werden und erhält dann die Sterbebegleitung in einer freundlichen Umgebung umsonst, Nichtmit­glieder zahlen 900 bis 3500 Euro je nach den angemeldeten Sonderwünschen (z.B. ­Blumen, Musik, Assistenz eines Geistlichen usw.). Das scheint mir angemessen, der Verein muss ja Organisation, Gebäude, Personal usw. vorhalten. Auf jeden Fall heißt es, dass er seine Finanzierung offenlegt, im Gegensatz zum Verfahren in den meisten anderen Ländern, auch bei uns. Mir ist die Exit-Lösung sympathischer, weil sie ehrlicher ist. Wenn jede Art von Bezahlung verboten ist, kann niemand kontrollieren, wer die Kosten trägt, ob und auf welche Weise doch bezahlt wird.

Es gibt ein weiteres Argument, das sich nicht einfach übergehen lässt: wenn die Sterbehilfe legalisiert, sozusagen zu etwas Normalem wird, entsteht ein so großer öffentlicher Druck auf die Kranken, dass sie sich dem nicht entziehen können, nicht mehr frei in ihrer Entscheidung sind. Das könnte sein. Man kann es weder beweisen noch widerlegen. Ich selber glaube nicht, dass ein solcher äußerer Druck eine große Rolle spielen würde. Schwer Leidende kümmern sich im Allgemeinen nicht um die öffentliche Meinung. Trotzdem kann eine andere Art von Druck entstehen, der den längst bestehenden Todeswunsch verstärkt. Er ließe sich so zusammenfassen: »Wa­rum soll ich mit einem Weiterleben, das mir selbst nur noch eine Last ist, auch noch den anderen eine Last sein?« Das kann niemand verhindern - auch nicht die Angehörigen durch gute Worte. Und ich frage mich, warum das so schlimm sein soll. Viele Menschen bemühen sich ein Leben lang, andern möglichst wenig Leid und Schwierigkeiten zu bereiten, und ich denke, dass diese Haltung meist ihnen und ihrer Umgebung zu einem besseren Leben verhilft. Gilt das für die Suizid-Beihilfe nicht? Sie verhilft zwar nicht zu einem besseren Leben, aber wahrscheinlich zu einem besseren Sterben.

Manchmal hört man das Argument: Patienten könnten ihre Meinung ändern. Die Antwort ist einfach: nach heutigem Recht in fast allen Staaten (und für alle eventuellen Neuregelungen) gilt als unabdingbare Grundlage der Wille des Betroffenen. Er kann bis zum Schluss jederzeit sagen (oder durch Zeichen zu verstehen geben): »Ich will jetzt noch nicht sterben«, und das ist bindend für alle.

Für mich ist dieses »Argument« nur ein Zeichen, wie abstrakt und theoretisch die Diskus­sion oft geführt wird. Deshalb zum Schluss noch zwei konkrete Beispiele.

a) Ein etwa 90jähriger Vater litt an einer sehr seltenen, unheilbaren Krankheit, die bewirkte, dass langsam, aber unaufhaltsam alle Muskeln ihren Dienst versagten, zuerst die des Bewegungsapparats, in einem späteren Stadium auch die der inneren Organe; Dauer des Prozesses völlig ungewiss, meist über Jahre. Er war klar im Kopf, konnte sich aber nur noch mühsam bewegen, und er wollte seit Jahren sterben - nicht wegen der Schmerzen, sondern wegen der Scham, für jede körperliche Notwendigkeit oder Erleichterung, vom Urinieren bis zum Schweißabwischen, einen anderen bitten zu müssen.

Sein etwa 60-jähriger Sohn hatte ein distanziertes Verhältnis zum Vater und besuchte ihn nur zwei- bis dreimal im Jahr. Er war außerdem ein dezidierter Gegner von Suizid und Suizidhilfe. Als es dem Vater schlechter ging, kam der Sohn immer öfter und bekam nun mit, wie sehr der Vater unter seinem Zustand litt. So wurde sein Mitleid stärker als seine theo­retische Überzeugung. Nachdem seine Bemühungen um eine legale Sterbehilfe zu Hause an bürokratischen Hemmnissen gescheitert waren, meldete er den Vater bei Exit an und versprach ihm, ihn in die Schweiz zu fahren, sobald er das wollte. Von dem Moment an wirkte der Vater wie befreit - so sehr, dass auch sein körperlicher Zustand sich deutlich verbesserte und er noch etliche Monate danach diesen Wunsch nicht äußerte. Er lebte, vielleicht nicht »glücklich und zufrieden«, aber einverstanden mit seinem Schicksal. Nach etwa einem halben Jahr starb er eines natürlichen Todes. Im Rückblick sagte der Sohn: »Ich war meinem Vater nie so nahe wie in der Zeit, als ich bereit war, ihm beim Sterben zu helfen.«

b) Ein Ehepaar, ca. 90jährig, beide behindert und leidend, aber nicht todkrank; ca. 60 Jahre glücklich verheiratet, mit gleichen oder ähnlichen Interessen, sie hatten eng aufeinander bezogen gelebt und vieles gemeinsam unternommen. Nun konnten sie fast nichts mehr unternehmen. Aber sie hatten noch einen großen Wunsch: sie wollten gemeinsam sterben.

In Deutschland ist das legal nicht möglich (und illegal meist auch nicht, wenn man nicht die entsprechenden Beziehungen hat; und für das damit verbundene Risiko waren sie zu alt). Also fuhren sie, solange sie es gerade noch konnten, in die Schweiz.

Ist das nun »sündige« Selbstüberhebung? Darauf gibt es keine allgemein gültige Antwort. Jeder muss seine eigene finden, niemand darf sie einem anderen aufzwingen; auch nicht der Staat. Das ist bei uns und in den meisten Staaten schon Gesetz, und der Staat sollte nicht versuchen, dieses Recht durch willkürliche und oft widersprüchliche Einzelbestimmungen teilweise wieder auszuhöhlen.

Brigitte Hoffmann

BIBELWORTE - KURZ BETRACHTET

Wir-Kinder Gottes?

»Seht, wie groß die Liebe ist, die der Vater uns geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes und wir sind es.« 1. Johannes 3, 1

Wir - Kinder Gottes? Ist das nicht selbst­überheblich, selbstherrlich, einfach falsch? Darf man das denken, gar aussprechen?

Wir sind Kinder Gottes - dieser Gedanke ist dem Verfasser des 1. Johannesbriefes ganz entscheidend für das Selbstverständnis der Gemeinde. Dieser Gedanke mag uns fern liegen, nicht bewusst und präsent sein, aber wir bekräftigen dieses Wort doch eigentlich mit jedem »VATER unser«. Denn wer könnte einen »Vater« anrufen, der nicht zugleich ein Kind dieses Vaters ist? Und leben wir nicht, jedenfalls zum Teil und von Zeit zu Zeit, aus der Zuversicht, irgendwann mit dem Vater vereint zu sein? Also aus einer Hoffnung, aus der wir Kraft schöpfen können.

Der Text ist der Anfang eines Abschnitts, in dem es um die Kindschaft Gottes der Glauben­den geht. Nach einer Warnung vor Irrlehren und einer Mahnung zur Treue im Glauben setzt der Abschnitt mit einer Dankbarkeit für Gottes kostbares Geschenk ein, Kinder Gottes zu sein. Der Text beschäftigt sich mit der den Christen von Gott verheißenen Zukunft. Dabei wird mit dem Ausdruck Kinder Gottes sowohl die Gegenwart als auch die heilsgeschichtliche Perspek­tive der Christen beschrieben. Aus der Liebe Gottes kann ein neues Sein entstehen.

Dazu Gedanken des Psychoanalytikers Erich Fromm: »Die Geburt ist nicht ein augenblick­liches Ereignis, sondern ein dauernder Vorgang. Das Ziel des Lebens ist es, ganz geboren zu werden. Seine Tragödie ist es, dass die meisten Menschen von uns sterben, bevor sie ganz geboren sind. Zu leben bedeutet, jede Minute geboren zu werden. Der Tod tritt ein, wenn die Geburt aufhört.«

Mensch werden heißt also: Nicht nur ums Überleben kämpfen, um unser Glück, unseren Wohlstand. Kind Gottes sein, wahrer Mensch sein bedeutet, seine eigenen geistigen und sozialen Ansprüche zu haben und immer wieder neu zu versuchen, sie zu verwirklichen. Dieses Ringen um die eigene Menschwerdung ist Bild dafür, Kind Gottes zu sein.

»Meine Lieben, wir sind Gottes Kinder...« Alle Menschen sind gleich in ihrer Einzigartigkeit und Wichtigkeit vor Gott. Hier liegt unser wahres Lebensglück - Mensch sein. Dieses Ge­schenk, ein Mensch zu sein, ein Mensch - ein Geschöpf Gottes.

Und noch ein letzter Gedanke, eher eine Einsicht: wenn ich daran glaube, dass die mensch­liche Seele unsterblich ist, trage ich dann nicht ein eindeutiges Merkmal einer Kindschaft Gottes in mir? Und wenn ich daran glauben kann, dann möchte ich mich jeden Tag daran erinnern, um Hoffnung, Zuversicht und Kraft daraus zu schöpfen, um ein geistig bewusstes Leben leben zu können.

Wolfgang Blaich

Lichtzeichen

Es war an einem dieser eindrucksvollen Abendstimmungen des Monats September. Wir saßen im Großen Kursaal in Bad Cannstatt und lauschten der stimmungsvollen und hervorragend interpretierten Musik der Ungarischen Tänze von Johannes Brahms, dargeboten von zwei Violinistinnen und einer Pianistin. Auf der rechten Seite der Bühne stand eine Bodenvase mit langstieliger Blütenpracht.

Da geschah es plötzlich: die am Horizont stehende Abendsonne sandte durch das gegen­über liegende Fenster einen langen Lichtstrahl genau auf das Blumengebinde. Kein Sonnen­licht auf der Umgebung. Einzig dieser eine Sonnenstrahl auf den Blumen. Die Wirkung war einmalig schön. Es war, als hätte die untergehende Sonne uns vor Anbruch der Dunkelheit noch die Schönheit dieser Pflanze vor Augen führen wollen.

Vielleicht haben andere Konzertbesucher sich ganz auf die Musik konzentriert und nichts von diesem Sonnenstrahl bemerkt, doch ich konnte meinen Blick nicht mehr von der Vase abwenden. Für mich war der Strahl ein Lichtzeichen, wie es solche Lichtzeichen in unserem Leben doch dann und wann gibt: Augenblicke, in der wir das Besondere wahrnehmen, Augenblicke, die schnell wieder vorbei sind und bei denen wir ein eigenartiges Erlebnis in uns spüren. Augenblicke, die man mit anderen nicht teilen kann, die aber für uns große Bedeutung haben. Was sie uns sagen, können wir nicht in Worte fassen, sondern müssen es dabei belassen, was sie sind: Lichtzeichen.

Peter Lange

AUS DEM TAGEBUCH DES ARCHIVLEITERS

Von einer »Putzmacherin«, zwei mutigen Frauen und dem Tennisspiel der Templer in Palästina

Unsere im Interesse des Botanikers Dr. Ami Zehavi aus Tel Aviv in der Juni-»Warte« ver­öffentlichte Suchanzeige nach Alben mit getrockneten Wildblumen aus Palästina hat ein vielfältiges Echo im Kreis unserer Leser ausgelöst. Besonders sei hier die Mitteilung des Weltbank-Experten und QAT-Forschers Dr. Peer Gatter erwähnt, der uns mitteilte, dass es sich bei einer der zwei genannten Trockenblumen-Künstlerinnen um seine Urururgroßmutter Johanna Blankertz-Lehnemann handle, die mit ihrem Ehemann Wilhelm Blankertz 1851 aus dem Rheinland nach Palästina gekommen war.

Wir hatten in der »Warte« schon berichtet, dass Wilhelm Blankertz von Beruf Bierbrauer gewesen war und in Jerusalem die erste Brauerei des Heiligen Landes eröffnet hatte. Peer Gatter beschreibt Wilhelms Ehefrau, von der er ein Porträt-Foto besitzt, als eine ältere, missmutig dreinblickende Person in modischer Kleidung, mit Handschuhen und Hut. Er ist erfreut, mit der Nachricht von der Freizeitbeschäftigung seiner Vorfahrin eine Erweiterung seiner Familiengeschichte erfahren zu haben. (Wie aus dem Buch von Dr. Jakob Eisler über das Johanniter-Hospiz in Jerusalem hervorgeht, ist Wilhelm Blankertz in fortgeschrittenem Alter Hausvater in dieser bekannten Einrichtung gewesen.)

Unseren Leser Helmut Arnold hat die Begebenheit mit den »Blumenpflückerinnen Blankertz« dazu animiert, sich in die autobiografisch inspirierten Bücher der französischen Schriftstellerin Myriam Harry zu vertiefen, die Anlass für die Anfrage des israelischen Botanikers gewesen waren (»La petite fille de Jérusalem«, »Siona à Berlin« und »Siona à Paris«). Helmut Arnold konnte unser Wissen über das »Trockenblumen-Hobby« der Jerusalemer Damen dadurch noch erweitern, dass er schrieb, die Blumenalben seien über den Souvenir-Laden von Sionas Vater (Moses Shapira) verkauft worden.

Von der Übersetzerin und Familienforscherin Magdalena Weichel erfuhren wir noch, dass die Ehefrau des Jerusalem-Missionars Schneller, Magdalene Schneller, ebenfalls Trocken­blumen-Herstellerin war und Gruß-Postkarten mit den gepressten Wildpflanzen dekoriert hatte. Sie weist uns außerdem darauf hin, dass 1875 vom Verlag C.F. Spittler in Basel von Hanna Zeller geb. Gobat ein Band »Feldblumen aus dem Heiligen Land« mit 54 Tafeln von Blumendarstellungen herausgegeben wurde. Bei einer Auktion der jüngsten Gegenwart ist diese Rarität zu dem stattlichen Preis von 400 Euro angeboten worden.

»Knapp der Katastrophe entgangen - Zwei mutige Frauen bewahren Zell unter Aichelberg vor dem Niederbrennen«. Unter dieser Überschrift veröffentlichte die »Südwest-Presse« in ihrem Regionalteil Anfang Juni den Rückblick unseres Mitglieds Elfriede Bazlen aus Zell unter Aichelberg auf die letzten Kriegstage und den Einmarsch amerikanischer Truppen in ihrer Ortschaft. Elfriede Bazlen war damals erst fünf Jahre alt gewesen, die damaligen Ereignisse haben sich jedoch tief in ihr Gedächtnis eingebrannt: die nächtliche Verdunklung, das Heulen der Sirenen, die Angst vor der unsicheren Zukunft. Ihre Mutter, Käthe Weber­russ, und die aus der Zeit in Haifa mit ihr freundschaftlich verbundene Maria Meinel erleb­ten, wie sich die deutschen Soldaten in diesen letzten Kriegstagen schon zurückgezogen hatten und die ersten Salven amerikanischer Panzer im Ort einschlugen. Die Amerikaner argwöhnten noch versteckte Abwehrstellungen in den Häusern und stellten ein Ultimatum: die deutschen Verteidiger sollten sich sofort stellen oder das Dorf würde in Schutt und Asche gelegt.

Panik und Chaos brachen unter der Bevölkerung aus, man rüstete sich zur allgemeinen Flucht. Eine Delegation der Amerikaner fuhr vor dem Haus der Familien Meinel und Weberruss vor. Irgendjemand musste die Besatzer darauf hingewiesen haben, dass die beiden Flüchtlingsfrauen aus Palästina englisch sprachen. Beide Familien waren erst wenige Jahre zuvor durch einen Austauschtransport nach Zell gekommen. Es folgten ner­venaufreibende Tage. ­Während die Bevölkerung von Zell noch auf gepackten Koffern saß, begannen die beiden Frauen mit dem Kommandeur zu verhandeln. Nach dem dritten Treffen kam schließlich die erlösende Nachricht, dass der Ort verschont bliebe.

Elfriede Bazlen und Herbert Meinel, die damaligen Kinder der beiden mutigen Frauen, sind überzeugt, dass es das Verdienst ihrer Mütter gewesen sei. »Das, was wir als Kinder in jenen Tagen erlebt haben, sitzt ganz tief und kommt immer wieder hoch« war Elfriedes Bekenntnis zu dieser geschichtlichen Rückschau.

Es gibt wieder Neues zu berichten von unserer Internet-Seite: Wir haben die bekannte Broschüre für Israel-Reisende »Spuren des Tempels« inhaltlich auf den neuesten Stand gebracht. Die informative Publikation über die Siedlungsgeschichte der Templer im früheren Palästina ist nun auch online nachzulesen, und zwar nicht nur in Deutsch, sondern auch in Englisch.

Interessenten können die ganze Broschüre auch als PDF-Datei auf ihren eigenen Rechner herunterladen. Die Publikation ist erreichbar über den Menüpunkt »Geschichte« und den Untermenüpunkt » Bücher und Schriften«. Unserem Mitglied und »Website-Spezia­listen« Jörg Struve sei Dank gesagt für diese wertvolle Ergänzung.

Vor Kurzem erhielt ich von Restaurator Shay Farkash aus Israel eine Fotografie zugelei­tet,  Jaffaauf der ein Tennisplatz zu sehen und die Jahreszahl »1905« vermerkt ist. Er wollte wissen, ob wir diese Aufnahme in unserem Bildarchiv in Stuttgart hätten. Ich musste die Frage zunächst verneinen, doch dann fand ich - wie es der Zufall manchmal so will - auf meinem Schreibtisch ein Fotoalbum von Hulda Lange geb. Frank, das ihr Enkel Wolfgang Frank bei seinem kürzlichen Besuch bei uns zur Ansicht hier gelassen hatte. In diesem Album befand sich ein Bild exakt desselben Tennisplatzes, allerdings nicht - wie beim Bild von Farkash - mit männlichen Spielern, Jerusalemsondern mit Spielerinnen (man sehe und staune: Sportlerinnen in dieser frühen Siedlungszeit in langen Röcken und breitrandigen Hüten und Schlägern in der Hand, die über ein Netz spie­len!).

Es stellte sich in unserer Korrespondenz he­raus, dass dieser Tennisplatz sich einst neben dem Bella Vista Hotel in Jaffa im damaligen Stadtteil »Man­shija« befunden hatte (diesen Stadtteil gibt es heutzutage nicht mehr). Es ist anzunehmen, dass Templer aus der Kolonie Jaffa dort Sport getrieben haben. Dank der Forschun­gen von Dr. Jakob Eisler wissen wir, dass es auch in der Kolonie, und zwar gegenüber dem Hotel du Parc, Saronaeinen Tennisplatz gegeben hatte, vermutlich nachdem der Platz beim Bella Vista wieder aufgegeben worden war.

Dass in den Siedlungen der Deutschen in Palästina der »weiße Sport« schon früh Eingang gefunden hatte, zeigt sich am Beispiel von Sarona, von wo uns Shay Farkash vor ein paar Jahren eine Pfostenspitze des dortigen früheren Tennisplatz-Umgebungszaunes als Memorabilie verehrt hatte. Weiterhin besitzen wir aus der Sammlung von Siegfried Kübler eine Aufnahme, auf der seine Mutter Paula Dyck als Spielerin auf dem Tennisplatz in Jerusalem zu sehen ist.

Peter Lange, TGD-Archivleiter

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