Die Warte des Tempels

Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 169/4 - April 2013

 

 

Heilung durch Vergebung - Karin Klingbeil

Die Frage nach dem historischen Jesus - Peter Lange

Was ist heilig? - Peter Lange

Meinungsfreiheit in palästinensischer Sicht - Brigitte Hoffmann

Teilen und Tauschen - Jörg Klingbeil 

Heilung durch Vergebung

Die Heilung des Gelähmten (Markus 2,1-12)

Seit Kindertagen erinnere ich mich an diese Geschichte, die bei allen drei Synoptikern mehr oder weniger ausführlich erzählt wird; nur bei Markus und Lukas findet sich aber die schöne Ergänzung, dass die Freunde den Gelähmten über das Dach vor Jesus bringen. Ob die Initiative von dem Gelähmten ausging oder ob die Freunde von sich aus beschlossen haben, die einmalige Gelegenheit einer Hilfe durch Jesus für ihren Freund wahrzunehmen, bleibt dabei offen. Kreativ sind sie jedenfalls: sie packen ihren Freund auf eine Trage und begeben sich zu dem Haus, in dem sich Jesus befand und zu predigen begonnen hatte. Wegen der dicht gedrängten Menschenmenge kommen sie aber nicht durch. Kurz entschlossen begeben sie sich auf das flache Dach des Hauses, legen eine große Öffnung frei - d.h. beschädigen es nicht unerheblich - und lassen die ganze Trage direkt vor Jesus herunter.

Ohne dass viel Weiteres über diese Ungeheuerlichkeit berichtet wird, heißt es bei allen Synoptikern: Jesus sah ihren Glauben, und das veranlasste ihn, zum Gelähmten zu sagen: Mein Kind, oder bei Markus: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben. Wir fragen uns vielleicht schon, was der Glaube der Freunde wohl mit den Sünden des Gelähmten zu tun haben mag - doch weiter geht es in der Geschichte mit den anwesenden Pharisäern, die Jesus insgeheim für einen Gotteslästerer halten, weil nur dieser allein Sünden vergeben dürfe. Jesus geht sofort auf diesen unausgesprochenen Vorwurf ein und fragt die Schriftgelehrten, was wohl leichter sei, zu sagen: Deine Sünden sind dir vergeben oder Steh auf, nimm dein Bett und geh nachhause!? Und bei allen Evangelisten spricht Jesus von sich als dem »Menschensohn«, der die Vollmacht habe, auf Erden Sünden zu vergeben. Daraufhin befiehlt er dem Gelähmten aufzustehen und zu gehen. Als dieser tatsächlich aufsteht, spüren die Anwesenden, dass hier etwas geschehen ist, das mit Gott zu tun hat. Sie empfinden große Ehrfurcht und loben Gott.

Was fangen wir mit dieser Geschichte an? Ist es nur eines von vielen Heilungswundern, die Jesus zugeschrieben und weitererzählt wurden?

Mich spricht die Erzählung nicht nur an, weil ich diese unbeirrbaren Freunde toll finde, ohne die der Kranke wohl nie zu Jesus gelangt und geheilt worden wäre, und weil es für den Kranken ein "happy end" gegeben hat. Es gibt auch verschiedene Elemente darin, die für mich eine tiefere Bedeutung haben.

Eines ist der Umstand, dass Jesus den Glauben der Freunde sieht und daraufhin den Kranken heilt. Bei anderen Heilungserzählungen geht die Initiative von den Betroffenen selbst aus und es geht um ihren eigenen Glauben, der zur Heilung verhilft: Der Aussätzige, die blutflüssige Frau, ein Blinder. Zu diesen sagt Jesus, nachdem er sie geheilt hat: »Dein Glaube hat dir geholfen!«

In diesem Fall aber sagt er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben - und durch die Heilung entsteht der Eindruck einer unmittelbaren Beziehung der Krankheit zu den Sünden des Kranken. Es wird nicht erklärt, was für eine Lähmung den Kranken befallen hatte. Es spricht einiges dafür, dass es eine psychische Blockade war, unter der er da litt - seit Sigmund Freud ist medizinisch anerkannt, dass psychische Belastungen sich in schweren körperlichen Symptomen äußern können. Offenbar hatte Jesus erkannt, woran sein Gegenüber litt - und schon seine intensive Zuwendung ihm gegenüber mag vieles in dem Kranken gelöst haben. Wenn Jesus Betroffene mit "mein Sohn" oder "meine Tochter" anspricht, so ist das keine Floskel, sondern zeigt, fast wie bei einer Adoption, die wahrhaftige Sorge und Anteilnahme für sein Gegenüber. Offenbar hatte Jesus die Fähigkeit, Menschen durch seine Zuwendung das von ihnen zu nehmen, was sie bedrückte und lähmte.

Bei dieser Erzählung ist allen Evangelisten die Episode mit den Pharisäern, die das fromme, orthodoxe Judentum vertreten, wichtig. Jesu Vorgehen erscheint nun eher wie eine Beweisführung, die im Markusevangelium offenbar auch noch später in den ursprünglichen Text eingefügt worden ist. Jesus spricht von sich selbst als dem Menschensohn und dass dieser die Vollmacht habe, auf Erden Sünden zu vergeben. Bei Markus, der ja mit Taufe und Versuchung Jesu beginnt, wird als nächstes davon berichtet, wie Jesus dadurch auffällt, dass er seine Lehre und Predigt mit Vollmacht vorbringt - ganz anders als die Pharisäer. Seine Schriftauslegung überzeugte das Volk und sprach es direkt an. In unmittelbarem Zusammenhang mit dieser Lehre stehen dann auch seine Dämonenaustreibungen und Heilungen. Eine weitere Stelle gibt es bei Lukas, in der Jesus die Vergebung der Sünden ausdrücklich zusagt - es ist die Geschichte von der Sünderin, die ihm die Füße salbt; auch hier empören sich die Pharisäer über Jesu Sündenvergebung.

Die Pharisäer denken formalistisch, auch über den Sündenbegriff. Gott ist im Judentum ein Offenbarungsgott, der zwar nicht sein Wesen, doch aber seinen Willen geoffenbart hat: in den zehn Geboten und all den Vorschriften, die er Mose offenbarte. Demnach besteht das richtige Leben eines Juden darin, auf diese Stimme Gottes zu hören und die Vorschriften einzuhalten. Jede Übertretung gilt demnach als Sünde und stellt ein Sich-Entfernen von Gott dar. Thora und rabbinische Literatur haben die verschiedenen Schweregrade einer Sünde festgelegt. Schon unter den Propheten (750-500 v. Chr.) hat sich die Gewichtung der Sünden von rituell-kultischen auf ethische Inhalte hin verschoben. Es wird vorausgesetzt, dass es auf Erden keinen vollständig sündenfreien Gerechten geben kann. So verschweigt die Bibel auch nicht die Verfehlungen der Erzväter, sondern erzählt durchaus deutlich davon. Trotzdem hat Gott sie für sein Werk ausgewählt. Ihr hohes Alter galt als der Lohn Gottes, direkt im Diesseits gewährt.

Sünden konnten durch ein Opfertier gesühnt werden: der Priester ließ die Sünde auf das Tier übergehen, das dann geopfert wurde. Voraussetzung war immer das Eingeständnis der eigenen Schuld und echte Reue, verbunden mit dem festen und ehrlichen Vorsatz, nicht mehr zu sündigen. Aber schon unter den Propheten gab es Kritik am Opfer, das Gott nicht brauche; stattdessen forderten sie Liebe zum Nächsten (Hosea 6,6) und ganz besonders Barmherzigkeit gegenüber sozial Benachteiligten wie Witwen und Waisen.

Nach der Zerstörung des ersten Tempels war den Juden zunächst der Ort genommen, an dem sie durch das Opfern von Tieren ihre Sünden zu sühnen vermochten, auch wenn der Tempel wieder aufgebaut wurde, um dann, im Jahre 70, endgültig zerstört zu werden. Die Rabbinen legten danach fest, dass folgende Handlungen an die Stelle der Tieropfer treten sollten: 1. das Gebet, 2. die Einhaltung der Gebote und 3. das Studium der Thora.

Prinzipiell ist jede Sünde vergebungsfähig, denn - so drückte es ein mittelalterlicher Rabbi aus - »es ist unmöglich, dass die menschliche Fähigkeit zu sündigen größer und mächtiger sei als die verzeihende göttliche Gnade«. In Jesaja 43 lässt Gott dem Volk Israel durch den Prophetenmund den Vorwurf machen, dass es nicht geopfert habe, um seinem Gott zu dienen, sondern um ihn, Gott, dem Volk dienstbar zu machen. »Ich, ich tilge deine Übertretungen um meinetwillen und gedenke deiner Sünden nicht« sagt er schließlich (Vers 25); d.h. Gott vergibt Sünden immer aus seiner freien Gnade heraus. Daher ist die paulinische Christologie mit ihrem Sühnetod-Gedanken dem jüdischen Denken völlig fremd und unverständlich.

Diese Auffassung von dem den Menschen zugewandten, aus freier Gnade vergebenden Vatergott hat Jesus in das Zentrum seiner Lehre gestellt und ist mit dieser Überzeugung den Menschen begegnet. Es ist richtig: Verfehlungen kann nur derjenige vergeben, dem gegenüber sie geschehen - sei es nun Gott oder auch ein anderer Mensch. Es fällt auf, dass Jesus niemals sagt: Ich habe dir deine Sünden vergeben, sondern immer: Deine Sünden sind dir vergeben. Daraus spricht das grenzenlose Vertrauen auf den barmherzigen, vergebenden Gott. Nie tritt Jesus als Richter auf - im Gegenteil: Richtet nicht! ist eine seiner Forderungen in der Bergpredigt. Jeder Mensch ist bedingungslos von Gott angenommen, so, wie er ist, und das vermittelt Jesus jedem bei seiner Begegnung. Er erkennt, wie sehr der Mensch umgetrieben ist durch Zweifel, Rechtfertigungsversuche, Schwäche und Hilflosigkeit, Misstrauen und Schuld, die ihn einengen und nicht zulassen, dass er sein Leben frei führen kann.

Ich denke dabei an ein Interview in Chrismon, das mich sehr beeindruckt hat. Der Titel lautete: Vergib uns unsere Schuld - und das Gespräch wurde geführt mit einem Opfer und einem Täter: ihre Tochter war beim Amoklauf in Winnenden gestorben, er hatte als Skinhead einen Mann erschlagen. Obwohl Täter und Opfer nichts miteinander zu tun hatten, wurde dieses Gespräch mit beiden zusammen geführt - und es wurde deutlich, worunter beide gelitten hatten. Beide hatten sich über Jahre tiefgehende Gedanken über die jeweilige Tat und ihre Beziehung dazu gemacht. Beide konnten inzwischen über ihre Gefühle sprechen. Die Mutter konnte schließlich nach der Person des Amokläufers fragen und litt darunter, dass dessen Eltern weder im Prozess noch außerhalb öffentlich ihre eigene Rolle zur Sprache brachten und zu keinem Gespräch bereit waren - das gar nicht mal alle wollten. Inzwischen ist ja in der Wiederaufnahme des Falles vom Vater des Täters gesagt worden, dass ihm das Geschehen leid tue - aber für viele kam diese Äußerung viel zu spät.

Der Täter, zur Zeit seiner Tat der rechten Szene zugehörig, erklärte, wie er in diese Szene gekommen war: weil er hier zum ersten Mal das Gefühl vermittelt bekam, dass er etwas wert sei, und weil hier andere für ihn da waren. Aber durch die Zugehörigkeit übernahm er auch das rechtsextreme Menschenbild der Gruppierung. Zur Tat kam es, als ein Mann mit Zivilcourage zu seinem Freund sagte, er solle doch aufhören mit dem "Nazischeiß". Daraufhin schlug ihn der Täter derart zusammen, dass der andere seinen Verletzungen erlag.

Auf die Frage, was beiden geholfen hat, antwortete die Mutter: »Für mich war Natur sehr wichtig, Rückzug, Einsamkeit, Schweigen. Aber dann auch wieder Nähe und Wärme, dass Menschen einfach da waren, meine Familie, meine Freunde. Ich war genauso gestorben wie meine Tochter. Durch die Wärme und Liebe, die ich erfahren habe, konnte dieses andere langsam wachsen. Das ist so, als ob man eine Kerze mit einer anderen anzündet.«

Der Täter: »Mir hat direkt nach der Tat, in den ersten Tagen im Gefängnis, als ich an Selbstmord dachte, meine Freundin geholfen. Sie hat mich immer als Menschen gesehen, sie hat die guten Seiten in mir angesprochen und mir auch noch Briefe geschrieben, als sie längst schon einen anderen Freund hatte. Natürlich bin ich verroht im Gefängnis, der Umgang der Gefangenen untereinander und der Bediensteten mit uns ist brutal. Durch die Strafe wurde ich kein besserer Mensch. Aber durch ein paar Menschen, die mir nicht permanent misstraut haben, sondern mir neue Chancen zugebilligt haben - so wie meine Exfreundin oder der Chef des Metallausbildungsbetriebs im Gefängnis.« Heute will der Täter Pfarrer werden. Er ist davon überzeugt, dass Gott ihm vergeben hat. Auf die Frage, wie er darauf komme, sagte er: »Es hat Jahre gedauert, bis ich darum bitten konnte. Es war ein sehr intensives Gebetserlebnis. Ich habe richtig körperlich gespürt, dass eine Last von mir genommen wurde. Auch meine Aggressivität war auf einmal weg. Sie kam auch daher, dass ich diese Schuld mit mir herumtragen musste.«

Die Mutter antwortete auf die Frage, wie sie es geschafft habe, vergeben zu können: »Nur Liebe macht Vergebung möglich. In den ersten Jahren geht das nicht, da ist man wie erstarrt. Auch kalt und wütend. Es ist die Hölle. Aber heute kann ich sagen: diese Liebe, die meine Tochter war, lebt wieder. Sie ist auf irgendeine Weise wieder lebendig geworden. Dann ist Vergebung plötzlich gar nicht schwer. Dieser abgedroschene Spruch: Die Toten gehen von uns, die Liebe bleibt - der ist wahr.«

So bewirkt Vergebung - auf beiden Seiten - die Möglichkeit, mit dem Alten, Belastenden abzuschließen und unbelastet, neu anzufangen. Damit ist eine schlimme Tat nicht ungeschehen gemacht - sie wird immer eine schlimme Tat bleiben und vergessen wird man vieles nicht können. Aber wenn wir zwischen Tat und Täter zu unterscheiden vermögen, wird die Tat verurteilt, nicht der ganze Mensch.

Ohne Liebe aber ist keine Vergebung möglich - von Gott ist sie uns Menschen zugesagt; wir Menschen müssen sie für unsere Mitmenschen aufbringen, denn sie wird das Maß sein, an dem auch wir gemessen werden. So sagt auch Jesus über die Sünderin, die ihm die Füße gesalbt hatte: »Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel Liebe gezeigt«. Aus diesem Grund hat Jesus auch auf die vier Freunde reagiert, die alles taten, um den gelähmten Freund zu ihm zu bringen. Die feste Überzeugung, dass ihm durch Jesus geholfen werden würde, verlieh ihnen die Kraft, sich gegen alle Widerstände durchzusetzen - und auch, wenn von ihnen danach nicht mehr die Rede ist, können wir nachfühlen, was ihnen die erfolgreiche Heilung ihres Freundes zurückgegeben haben mag. Immer hat Jesus die Liebe über alles andere gestellt. Und das ist ein Maßstab, nach dem auch wir prüfen können - wenn wir die Liebe wirklich einsetzen. So leben Glaube und Hoffnung davon, dass sie sich immer wieder in Form der Liebe in unserem Handeln verwirklichen - nicht nur für andere, auch für uns selbst.

Und, vergessen wir nicht, dass wir im Vaterunser beten: Vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Weder von Gott noch von unseren Mitmenschen können wir Vergebung für unsere Fehler erwarten, wenn nicht auch wir selber bereit sind, das Fehlverhalten anderer zu vergeben.

Karin Klingbeil, Saalansprache am 3. Februar 2013, gekürzt

Der Einritt auf der Eselin und der Reiter auf dem weißen Pferd

Die Frage nach dem historischen Jesus

Den Bibelforschern, die sich mit der Entschlüsselung von Texten über Jesus befassen, stellt sich immer wieder die Frage, wie weit dieser Prediger aus Nazareth auch in außerbiblischen Quellen erscheint. Seine Erwähnung in historischen Abhandlungen jüdischer und römischer Geschichtsschreiber ist äußerst gering. Viele Theologen sind deshalb der Auffassung, dass es sinnlos sei, nach einem »historischen Jesus« zu suchen. Wichtig allein sei der Glaube an seine Christus-(Messias-)Rolle, die sich aus dem Oster-Erlebnis seiner Anhänger entwickelt hat.

Die Zahl derer, die nach der historischen Gestalt des Jesus und der Art seines Lebens und Wirkens fragen, ist allerdings im Steigen begriffen. Das kommt wohl nicht zuletzt daher, dass eine ganze Anzahl von Jesus-Forschern die Ansicht vertreten, dass die vorhandenen biblischen und außerbiblischen Texte sehr wohl einen Weg zur Entdeckung dieses Lehrers und Propheten bieten. Unter diesen Forschern befindet sich auch John Dominic Crossan, über dessen neuestes Buch »The Power of Parable« (Die Kraft der Gleichnisse) in den letzten »Warte«-Ausgaben einiges zu lesen war (»Es fing alles mit Johannes an« im Februar-Heft und »Die provozierenden Gleichnisse« im März-Heft).

Im Beitrag über die »provozierenden Gleichnisse« wurde gesagt, dass Jesus gerade solche Geschichten bevorzugt habe. Es war seine Pädagogik, die Zuhörer in eine geschilderte Situation einzubeziehen und von ihnen eine innere Stellungnahme dazu herauszufordern. Diese Art seines Redens und Lehrens war deshalb so überzeugend und wirkungsvoll, weil er eine gewaltlose Pädagogik vertrat. Für ihn war das Reich Gottes ein Unternehmen des Zusammenwirkens der Menschen untereinander und eines, in dem Gewaltlosigkeit herrscht. Seine Vision einer Welt des Friedens und der Gerechtigkeit beruhte auf dieser Voraussetzung.

In den Gleichnissen, die Jesus seinen Mitmenschen erzählte, treten erfundene Personen in einem erfundenen Geschehen auf. Das unterscheidet Gleichnisse von Legenden, Sagen und Mythen. Die Evangelien haben dagegen einen anderen Charakter, in ihnen treten wirkliche Personen in erdichteten Geschehnissen auf, in ihnen erzählten andere über Jesus. Dies setzt jedoch voraus, dass für die Erzähler Jesus ein Mensch aus Fleisch und Blut war. Für Crossan steht fest, dass er es bei Jesus mit einer historischen Figur zu tun hat. Interessant ist, welche Gründe er für seine Entscheidung vorbringt: einmal einen äußerlichen, das andere Mal einen innerlichen.

Für eine äußerliche Begründung dient ihm die Übereinstimmung der beiden Geschichtsschreiber Josephus (jüdisch; Ende des 1. Jhdts.) und Tacitus (römisch; Anfang des 2. Jhdts.). Beide schreiben ihre historischen Berichte in Rom und erwähnen ein Minimum an Informationen über »Christen«, die Anhänger eines »Christus« gewesen seien. Es wird angenommen, dass die etwas breiteren Ausführungen des Josephus über die Christen spätere »christliche Berichtigung« darstellen. Crossan ist der Auffassung, dass die Aussage »Er wurde Christus genannt« schon vor diesen Berichtigungen in Josephus‘ Werk (»Jüdische Altertümer«) gestanden haben muss.

In den »Annalen« des Tacitus werden ebenfalls »Christen, die sich auf einen Christus berufen« erwähnt. Eine solche Übereinstimmung zweier Historiker-Beschreibungen über eine Volksgruppe, die trotz Verfolgung und Bedrohung von sich reden machte, ist für Crossan die äußerliche Begründung dafür, dass es sich bei diesem »Christus« um einen tatsächlichen Menschen gehandelt hat.

Entscheidender allerdings ist für ihn die innerliche Begründung. Er führt zunächst den Bericht über den Einzug Jesu in Jerusalem an, auf einer Eselin mit ihrem Fohlen, und dass dieser Einzug im Evangelium verknüpft wird mit der alten Prophezeiung in Sacharja 9,9-10 (»Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. Denn ich will die Wagen wegtun aus Ephraim und die Rosse aus Jerusalem, und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden. Denn er wird Frieden gebieten den Völkern …«).

Dieser Darstellung stellt Crossan die Beschreibung der Johannes-Offenbarung gegenüber (Offb. 19,11-16), wo ein »weißes Pferd« auftritt und sein Reiter »Augen hat wie Feuerflammen« und aus dessen Mund ein »scharfes Schwert geht, dass er damit die Völker schlage«. Warum sollte man, meint er, eine nicht-historische Gestalt erfunden haben, wenn man sie immer wieder »ummodeln« musste und sie in letzter Konsequenz ins genaue Gegenteil ihrer anfänglichen Bedeutung umwandelte? Dann hätte man ihr doch gleich zu Beginn eine eindeutige Statur und Form verliehen.

Eine weitere Überlegung wäre: Wenn alles, was wir von und über Jesus lesen, so zum Beispiel seine Gleichnisse, als erfundene Geschichten betrachten - was hätte die Christenheit dann verloren? Crossans Antwort: »Nichts als ein wirklich gelebtes Leben in gewaltloser ausgleichender Gerechtigkeit, wie es dem wahren Wesen Gottes entspricht.« Es wäre ein Unterhaltungsangebot mit romanhaftem Charakter gewesen, ein Traum, aus dem wir in eine Realität erwacht wären, die nichts mehr mit diesem Traum zu tun hat.

Der historische Jesus ist für ihn das »provozierende Gleichnis Gottes«. Wenn er Gottes Reich der Liebe und Gerechtigkeit, des Friedens und der Gewaltlosigkeit leben und darstellen konnte, können das andere Menschen ebenso. Mit der Kraft seines historischen Wirkens hat er seine Mitmenschen zu eigenem Tun herausgefordert. Warum kann nur er es und nicht wir alle?

Peter Lange

AUS DEM ZEITGESCHEHEN

Was ist heilig?

In der letzten Zeit liest man häufig über den Verkauf oder die »Umwidmung« kirchlicher Gebäude, wenn der Kostenaufwand für deren Instandhaltung höher ist als ihr Nutzen oder als die Einnahmen des Eigentümers oder Trägers. Nach Recherchen des Münsteraner Pfarrers Thomas Frings wurden bisher aus diesen Gründen drei Prozent aller Kirchen in Deutschland geschlossen, und er meint, dass dieser Anteil noch auf bis zu 10 Prozent anwachsen könnte.

Entsprechende Beschlüsse des Trägers oder des Kirchenamtes lösen in der letzten Zeit häufig eine Flut von Einwendungen gegen solche Maßnahmen aus. Auch wenn die Protestierenden keine Alternativen zu einem Verkauf oder einem Abriss vorbringen können, ist ihnen der Gedanke an eine andere Nutzung des Gebäudes zuwider. So hat vor Kurzem der Verkauf der evangelischen Kapernaum-Kirche im Hamburger Stadtteil Horn heftige Kontroversen in der Bevölkerung ausgelöst. Die Kirche wird neuerdings von einem islamischen Verein als Moschee genutzt.

Bischöfin Kirsten Fehrs weist darauf hin, dass die Kirche auch als Moschee unter islamischer Trägerschaft ein Gotteshaus bleibe. Der islamische Trägerverein verspreche ein gutes interreligiöses Miteinander, verzichte auf einen öffentlichen Gebetsruf des Muezzins und wolle sich bemühen, gute Nachbarschaft zu pflegen. Trotzdem behagt es vielen Kirchenmitgliedern nicht, dass in dem Gebäude jetzt »Halbmond statt Kreuz, Gebetsnische statt Altar« herrsche. Ein Protestsprecher entrüstete sich, mit der Umwandlung der Kirche sei »eine Grenze überschritten«. Und auch der Präsident des Kirchenamtes in Hannover gab zu verstehen, dass »eine Kirche Kirche bleiben« müsse.

Mir scheint, dass diese Auseinandersetzung eigentlich um die Frage geführt wird, was »heilig« ist und was nicht unserem wirtschaftlichen Denken anheimfallen sollte. Ist also eine Kirche, ein Bauwerk aus Stein und Glas, heilig und vor fremdem Zugriff zu schützen? Soll man sie etwa, wenn immer weniger Menschen sie besuchen und kein Geld mehr für sie da ist, verfallen lassen, weil sie irgendwann einmal »geweiht« worden war? Zu dieser Frage hat die Tempelgesellschaft, schon wegen ihrer Herkunft aus dem Pietismus, eine eigene Antwort gegeben. »Kein Ort ist heiliger als der andere« war etwa die Meinung des Tempelbegründers Christoph Hoffmann, auch wenn er mit seinem »Zug nach Jerusalem« einem Ort eine besondere Bedeutung zugemessen hatte.

Seit Gründung gibt es in den Tempelgemeinden keine »kultischen Handlungen mit Sakramentscharakter, das heißt mit dem Anspruch der Heilsvermittlung« und auch »keine geweihten Stätten für Gottesdienste« (so der Wortlaut unserer Satzung) und keine Altäre. »Heilig« können Menschen sein, wenn sie geschwisterlich zusammenleben und zusammenwirken. Diesem Verständnis dient das von den Aposteln geprägte Bild des Tempels als Gestalt der christlichen Gemeinde. Unser Leben wird geheiligt, wenn wir Gott darin wirken und sein Reich Wirklichkeit werden lassen.

Der großen umfassenden Chronik der Templer hat der Verfasser Paul Sauer den Titel gegeben »Uns rief das Heilige Land«. In geschichtlicher Sicht war ein solcher Titel gerechtfertigt, denn so viele Menschen hatten damals eine Änderung und Neuorientierung ihres Lebens durch eine Auswanderung ins »Heilige Land« mit einem besonderen Akzent versehen wollen. Doch heutzutage sind wir mehr als erschrocken darüber, wie trotz aller so genannten »heiligen Stätten« dieses »Heilige Land« inzwischen unheilig geworden ist. Gerade um diese heiligen Stätten dreier Religionen tobt der Streit und Hader. Jerusalem als die »verheißene Stadt« ist Ursache für Völkerhass und Unterdrückung. Dabei sollte sie Stätte des Heils und der Heilung der Völker sein. Die Propheten und Seher wollten das Verhalten der Menschen verändern und nicht Wallfahrtsorte gründen. Offensichtlich sind ihre Worte verhallt, sie gelten heute nichts mehr.

Die Begriffe »Heil« und »heilig« haben etwas mit »Heilung« zu tun. Ich denke, nichts ist dringlicher heute, als die Schäden der Zeit, als die Verirrungen des Lebens, als die seelischen Fehlfunktionen zu »heilen«. Und diese »Heilung« kann in jedem Gebäude und an jedem Ort der Welt geschehen.

Peter Lange

Meinungsfreiheit in palästinensischer Sicht

Vor ein paar Wochen erschien in der »Zeit« ein Artikel (18. Oktober 2012, Nr. 43), der aus einer ganz ungewöhnlichen Situation heraus entstanden ist und dadurch ungewohnte Einblicke bietet.

Benjamin Balint, ein jüdischer Journalist aus der USA, lebt zur Zeit in Jerusalem und unterrichtet als Dozent für Philosophie und Literatur an der Al-Kuds-Universität, der einzigen im Westjordanland. Diesen Lehrauftrag erhielt Balint im Rahmen einer Partnerschaft zwischen Al-Kuds und einem amerikanischen College. Wie diese zustande kam, wird nicht gesagt - ich nehme an, durch die Initiative von Sari Nusseibeh, seit 1995 Präsident von Al-Kuds.

Er sagte zu Balint, er hoffe »dass unser Programm die Lehrmethoden in der palästinensischen Gemeinschaft revolutioniert.« Was er damit meinte, wird deutlich an dem, was er in seiner Autobiographie (»Es war einmal ein Land«) über seine eigene Lehrtätigkeit sagt: dass er immer wieder fast verzweifelte über seine Studenten, die pflichtbewusst und eifrig zuhörten und alles aufschrieben und lernten, was er sagte - und völlig irritiert waren, wenn er eigenes Denken und eine eigene Meinung von ihnen forderte. Das erklärt auch, was Balint an anderer Stelle über seine Studenten sagt: sie, »die zu den besten und gescheitesten Köpfen im Westjordanland gehörten ... hatten keine Erfahrungen mit einem geisteswissenschaftlichen Studium.«

Balint sah in dem Lehrauftrag eine Herausforderung, die ihn reizte. »Wie unterrichtet man als gebürtiger Amerikaner im Rahmen eines von amerikanischen Geldgebern finanzierten Programms, wenn wieder einmal die amerikanische Flagge verbrannt wird?«

Zunächst einmal lernte er selbst; z. B., dass seine Studenten, bis auf ganz wenige Ausnahmen, noch nie über das Westjordanland hinausgekommen waren - viel zu teuer und von der Willkür israelischer Bürokratie abhängig. Ihre Weltsicht fußte auf den ihnen zugänglichen arabischen Quellen - eine Weltsicht der Feindbilder. Und ihm wurde bewusst, dass es eine solche Weltsicht auch in Teilen des Westens gibt.

»Darüber reden und die wechselseitigen Feindbilder infragestellen« - darin sieht er seinen Lehrauftrag. Er las mit seinen Studenten einige der westlichen »Klassiker« zu den Fragen der Rechte des Individuums und der Aufgaben des Staats, zu Recht und Verfassung - Kant, Locke, Jefferson u.a., und setzte sie in Bezug zu entsprechenden Ereignissen der Gegenwart bzw. der jüngsten Vergangenheit, z.B. den Fall eines sudanesischen Intellektuellen, der 1985 wegen Abfalls vom Islam hingerichtet wurde, den Fall Rushdie von 1988/89, als Ayatollah Chomeini nicht nur den Autor der »Satanischen Verse« durch eine Fetwa zum Tod verurteilte, sondern auch die Verleger, Übersetzer und Verkäufer des Romans. Zwar ist eine Fetwa kein verbindliches Gesetz, sondern eine Art religiöse, nicht verbindliche Richtlinie, aber wenn sie wie hier von einem religiösen Führer ausgeht, kommt sie einem Aufruf zum Mord gleich. So war sie gemeint, und so wurde sie auch verstanden, wie die Folgen zeigten. Neben einigen weiteren Beispielen behandelte Balint auch die Mohammed-Karikaturen der dänischen Zeitung Jyllands-Posten, die 2005 weltweit zu gewalttätigen Protesten mit 241 Toten führten.

»Zunächst einmal hatten die palästinensischen Studenten an diesen aus westlicher Sicht so versessenen religiösen Kampagnen gegen Blasphemie und Apostasie nichts auszusetzen. Sie fürchteten sich auch nicht vor einer Einschüchterung muslimischer Liberaler, Reformer und Freidenker. Sie fanden keineswegs, dass sie ihre Stimme erheben sollten gegen die Blasphemie-Gesetze, die extrem anfällig für eine willkürliche Anwendung sind, weil sie auf dem weichen Kriterium einer "Beleidigung des Islams" fußen. Sie sahen keine Gefahr einer Instrumentalisierung der Religion zum Zweck der Repression.

Nein, sie sahen auch kein Problem darin, dass manche Muslime, die den Westen der Respektlosigkeit ziehen, ihm selber und insbesondere den Juden keinerlei Respekt zollten: dass etwa Jussuf al-Karadawi, der weltweit bekannteste und beliebteste sunnitische Geistliche, Hitler dafür pries, eine "göttliche Bestrafung" der Juden heraufbeschworen zu haben. Oder dass der tunesische Islamistenführer Rachid Ghannouchi gegen das »satanische Projekt des Talmud« hetzte. Und dass eine arabische Übersetzung von Hitlers Mein Kampf offen auf dem Al-Kuds-Campus feilgeboten werden kann. Sie fanden auch nicht, dass religiöse Eiferer dem Ansehen des Islams schaden könnten.

Nichts von all dem empörte meine Studenten. Und sie waren sich einig, dass Blasphemie unter Strafe gestellt sein müsse.«

Am ausführlichsten geht Balint auf das jüngste derartige Vorkommnis ein, das aus den USA stammende Video, das ebenfalls Mohammed verunglimpft, und da speziell auf die Stellungnahme eines seiner Studenten.

»Lehrreicher noch war für mich aber die Meinung eines dritten Studenten aus einem Dorf bei Ramallah. Er hielt die offiziellen amerikanischen Verurteilungen des Videos als "abscheulich und beleidigend" (so Susan Rice, die UN-Botschafterin der Regierung Obama) beziehungsweise als "widerlich und verwerflich" (so die US-Außenministerin Hillary Clinton) für ungenügend. Er fand, dass es eine offizielle Entschuldigung von Präsident Obama gegenüber den Muslimen geben müsse.

Ich aber verstand zum ersten Mal, dass in islamischen Gesellschaften wie der palästinensischen, die keine Tradition der freien Meinungsäußerung kennt, alle Filmemacher eine Regierungserlaubnis benötigen. Folglich wird jeder öffentlichen Äußerung unterstellt, die ausdrückliche oder stillschweigende Billigung der Behörden zu genießen. Für viele Palästinenser ist es schlichtweg unvorstellbar, dass westliche Bürger nicht auf dieselbe Weise kontrolliert werden. Sie wissen nicht, dass die amerikanische Verfassung es der Regierung verbietet, die religiösen Äußerungen ihrer Bürger zu überwachen.

Und umgekehrt wissen auch wir im Westen vieles nicht über die muslimische Welt, das uns helfen würde, zu verstehen. Mein Student aus dem Dorf bei Ramallah erst machte mir begreiflich, warum viele Muslime nicht zwischen der haarsträubenden Meinung eines einzelnen Filmemachers - in diesem Fall eines rechten koptischen Christen aus Kalifornien - und einer offiziellen Verlautbarung der amerikanischen Regierung unterscheiden. Er betrachtete die Vereinigten Staaten als eine Art Clan, der sich entschuldigen muss, wenn ein Mitglied den Stolz und die Ehre eines anderen Clans beleidigt. Ich verstand nun: Wo der Westen dem Individuum und seiner Autonomie den Vorrang einräumt, setzt die islamische Tradition auf eine kommunitaristische Auffassung, der zufolge der Einzelne sich kollektiv verwirklicht. Mein Student erklärte es so: "Was die Autonomie für einen Liberalen ist, ist die religiöse, nationale oder persönliche Ehre für uns. Da die Religion genauso zentral für unsere Identität ist wie die Nationalität, verstehen viele von uns eine Beleidigung als Angriff auf unsere Existenz überhaupt."

Das bedeutet: Die politische Zugehörigkeit leitet sich für nicht wenige Muslime von der Religion ab. Um die Ursachen der Wut zu verstehen, die das höhnische Mohammed-Video auslöste, müssen wir folglich unsere moderne Auffassung von Religion als einem Bündel privater Überzeugungen einmal außer Acht lassen.«

Leider wird in dem Artikel kaum etwas über die Reaktion der Studenten gesagt, nur aus einigen Adverbien wie »zunächst« kann man schließen, dass sie allmählich lernten, etwas differenzierter zu urteilen.

Dagegen berichtet Balint über seine eigene Reaktion: die Relativierung seiner eigenen Feindbilder, z.B. durch einen Blick auf die Geschichte. Auch Europa war bis ins 17. Jahrhundert eine religiös bestimmte Gesellschaft, in der Glaubenskriege geführt, Bücher und Ketzer und Ungläubige verbrannt wurden, in Zusammenarbeit von Kirche und Staat. Erst danach setzte, sehr allmählich, das Bemühen um ein friedliches Miteinander ein, seit dem 18. Jahrhundert gefördert durch die geistige Bewegung der Aufklärung. Das führte, im Verlauf von zwei Jahrhunderten (!) zur Säkularisierung von Staat und Gesellschaft (Beispiel: der Ausspruch Friedrichs des Großen von Preußen: »Jeder soll nach seiner Façon selig werden«). Aber es dauerte noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein, bis sich das in Europa und Nordamerika einigermaßen allgemein durchsetzte und der Einzelne frei über seine Religion bestimmen und frei darüber reden konnte.

Balint schreibt das Verdienst dafür, langfristig gesehen, den Ketzern zu. Viele von ihnen waren zwar ebenso fanatisch wie ihre Verfolger, und die meisten von ihnen wurden umgebracht, aber sie hatten, schon seit dem 13. Jahrhundert, immer wieder das Bestehende in Frage gestellt.

Mir scheint ein anderer Grund ausschlaggebender: die praktische Vernunft - oder, anders ausgedrückt, die totale Erschöpfung aller Beteiligten. Das beste Beispiel und zugleich ein wichtiger Wendepunkt ist für mich der 30-jährige Krieg, in dem es zwar am Ende primär um Macht ging, der aber zu Beginn und unterschwellig immer auch ein Glaubenskrieg war. In Deutschland, einem der Hauptkampfgebiete, war gegen Ende ein Drittel der Bevölkerung tot - das ist, proportional zur Bevölkerungszahl, viel mehr als im Zweiten Weltkrieg. Weite Landstriche waren total verwüstet, Deutschland als Ganzes in seiner wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Entwicklung um ein Jahrhundert zurückgeworfen. Die Friedensverhandlungen dauerten zehn Jahre (!), aber alle wussten, dass man zu irgendeiner Friedensordnung kommen musste. Sie brachte noch längst keine Religionsfreiheit für den Einzelnen, aber wenigstens Regeln für ein geordnetes Nebeneinander.

Das ist kein nachahmenswertes Beispiel, aber es ist etwas, was wir im Bewusstsein haben sollten, wenn wir über den heutigen Islam urteilen.

Brigitte Hoffmann

Teilen und Tauschen - statt Haben und Horten

Ausgerechnet das Internet hat in den letzten Jahren einen Trend verstärkt, den man früher eher für ein Relikt der Agrargesellschaft hielt: Die gemeinsame Nutzung von Gerätschaften, die man allein zu selten nutzte oder die für eine alleinige Nutzung zu teuer waren. Waren es früher riesige Erntemaschinen oder Lagerhallen, die sich Kooperativen gemeinsam teilten, so sind heute durch Internet und Soziale Netzwerke jedoch erweiterte Möglichkeiten zur kurzfristigen Deckung von Angebot und Nachfrage hinzugekommen.

Der Trend begann vor wenigen Jahren in den USA und in Australien und findet nun auch in Deutschland zunehmend Anhänger: Teilten sich 1997 gerade einmal 16.000 Personen knapp 1.000 Autos, so nutzen derzeit 200.000 Personen schon 5.000 Fahrzeuge. Das Wachstum geht ungebrochen weiter, laufend kommen heute zu den etablierten Carsharing-Unternehmen - in Stuttgart etwa StadtMobil, flinkster usw. - neue private Initiativen hinzu. Erst im November 2011 gründeten z. B. einige Mutige das Unternehmen Tamyca (take my car) und erwarteten zunächst eine lange Durststrecke; doch schon nach einem Jahr hatten sich 1.000 Privatleute registrieren lassen, die bereit waren, ihr Fahrzeug zu teilen. Teilen ist modern geworden. Vor allem junge Leute scheinen heute weniger Hemmungen als ihre Eltern zu haben, alle möglichen Konsumgegenstände zu teilen oder zu tauschen: Autos, Kameras, Werkzeuge, Spielekonsolen, Kleider, Bücher, DVDs, CDs, Gasgrills oder Partyzelte; die Liste ließe sich fast beliebig verlängern. Trendforscher halten dies für keine ideologisch oder gar religiös, sondern eher pragmatisch motivierte Entwicklung und auch für mehr als eine Modeerscheinung: »Es ist keine neue Hippiebewegung, sondern gesellschaftlicher Mainstream«, meint etwa der Konsumforscher Michael Kuhndt vom Wuppertaler Zentrum für nachhaltigen Konsum und Produktion. Der Trend gehe weg vom Hyperkonsum der Vergangenheit. Die Konsumenten hätten immer mehr Güter in immer kürzerer Zeit verbraucht, das ändere sich jetzt, übrigens nicht nur in der jüngeren Generation. Auch Ältere hätten zunehmend den Wunsch, sich vom Konsumballast zu befreien. Viele verbinden mit dem neuen Trend auch große Hoffnungen für die Umwelt und sehen im gemeinsamen Teilen einen Ausweg aus der Konsumfalle, in der unsere Wegwerfgesellschaft stecke. Der Konsumwahn habe die Jagd nach Rohstoffen bis in die letzten Winkel der Erde vorangetrieben und deren Ressourcen immer schneller verbraucht. Fatalerweise sei zudem der Konsumwahn der reichen Nationen längst zum Maßstab der Armen dieser Welt für das eigene Leben geworden. Klimaforscher und Ökonomen fordern endlich ein Umdenken: Wenn der Klimaschutz ernst genommen wird, dann dürften die Deutschen pro Jahr maximal 2,7 statt derzeit 11 Tonnen Kohlendioxid verbrauchen. Für eine wirklich nachhaltige Wirtschaft könne die Devise daher nur heißen: Weniger produzieren, weniger kaufen, weniger verbrauchen, weniger arbeiten, mehr Konsumgüter teilen.

Für die Hersteller von Markengeräten ist die neue Entwicklung nicht ungefährlich; schließlich leben sie vor allem davon, dass Verbraucher ihre Markenartikel begehren und besitzen wollen, am besten zur jederzeitigen Verfügung, also als Eigentum. Wenn aber immer mehr sich damit begnügen, einen Gegenstand nur zu nutzen und vorübergehend zu besitzen, dann werden von diesem Gegenstand zwangsläufig immer weniger verkauft. Je höher die Zahl der Nutzer, desto geringer die Zahl der Käufer. Für die Unternehmen bedeutet der neue Trend daher verstärkte Anstrengungen, denn sie müssen die Verbraucher davon überzeugen, dass ihre Produkte besser sind und sich deren dauerhafter Besitz wirklich lohnt. Marketingexperten sehen dadurch eine »Renaissance des Funktionalen« und bessere Chancen für jene Unternehmen voraus, die gute Qualität zu einem vernünftigen Preis anbieten. Wer im Laufe der Zeit zum Beispiel verschiedene Leihwagen gefahren sei, könne die Qualitätsunterschiede der einzelnen Fahrzeuge besser beurteilen und lasse sich von Werbefilmen nicht mehr beeindrucken. Langfristig könne der Trend zum Teilen aber auch für die Markenhersteller wirtschaftlich attraktiv sein; die bei Automobilherstellern beliebten Leasingmodelle hätten gezeigt, dass Verleihen lukrativer als Verkaufen sei. Einige Autokonzerne scheinen das begriffen zu haben: So hat Daimler Ende November 2012 das Projekt Car2Go mit rund 300 Smarts in Stuttgart gestartet; dabei kann man als registrierter Nutzer online mit einer halben Stunde Vorlauf oder sogar spontan an vielen Parkplätzen im Stadtgebiet einen Kleinwagen abholen und muss nur für die tatsächliche Nutzungszeit bezahlen (z.B. 12,90 Euro pro Stunde; 39,00 Euro pro Tag).

Längst werden über das Internet nicht nur Autos, sondern auch Privatwohnungen geteilt, die sich tage- oder wochenweise und deutlich billiger als ein Hotel buchen lassen; so sind bei der Internetplattform Airbnb, dem mit 10 Mio. Übernachtungen im letzten Jahr weltweit erfolgreichsten Community-Marktplatz, schon Unterkünfte auf Zeit in mehr als 33.000 Städten in 192 Ländern gelistet. Mittlerweile fangen auch Unternehmen an, Dinge miteinander zu teilen. Michael Kuhndt verweist etwa auf die Startup-Internetplattform Floow2, über die Firmen Baumaschinen oder landwirtschaftliche Geräte austauschen können. Die Firmengründer haben nämlich festgestellt, dass diese Geräte nur die Hälfte der Zeit genutzt werden; die andere Hälfte nutzbar zu machen, war ihre Geschäftsidee.

Man kann Gerätschaften aber nicht nur miteinander teilen, es ist auch sinnvoll, Artikel, die nicht mehr so häufig genutzt werden, wieder zu verkaufen und von anderen nutzen zu lassen, die sie nötiger brauchen; umgekehrt genügen vielfach gebrauchte Artikel vorübergehenden Nutzungsansprüchen genauso gut wie neue. Auch dadurch wird die Wegwerfmentalität gebremst. Die beliebten Ski- und Sportgerätebasare sind hier ebenso zu nennen wie (Kinder-)Flohmärkte oder die Basare für Kinderkleidung und -ausrüstung. Und schließlich lebt die große Internetplattform Ebay vom großen Handel mit gebrauchten Artikeln, ist aber auch ein Vertriebsweg für die Neuware zahlreicher Online-Händler. Eine der größten Tauschbörsen speziell für Kleidung ist www.kleiderkreisel.de. Über das Autoteilen informiert der Bundes­verband Carsharing unter www.carsharing.de; weitere Initiativen sind auf www.nachbar­schaftsauto.de zu finden. Speziell an Pendler wendet sich www.pendlernetz.de oder www.pendler-zentrale.de; Mitfahrgelegenheiten werden zum Beispiel unter www.mitfahr­gelegenheit.de geboten. Auf Verleihplattformen wie www.erento.com gibt es kaum etwas, das man nicht gegen Geld ausleihen kann.

Eine ganz neue Idee sind Internetplattformen gegen Lebensmittelverschwendung: Veranlasst durch die Tatsache, dass 30 % aller Lebensmittel im Müll landen, wurde zum Beispiel die Internetplattform www.foodsharing.de entwickelt, die Privatpersonen, Händlern und Produzenten die Möglichkeit bieten soll, überschüssige Lebensmittel kostenlos anzubieten bzw. abzuholen. Eine der ersten deutschen Startregionen war im letzten Jahr Ludwigsburg.

Mittlerweile haben auch die großen Computer- und Internetunternehmen - nicht ganz uneigennützig - das Teilen von Hardware, Software und Dienstleistungen als erfolgreiches Geschäftsmodell entdeckt, zum Beispiel in Form des Cloud Computing, bei dem sich mehrere Nutzer zentral zur Verfügung gestellte Kapazitäten, etwa Speicherplatz, über das Internet teilen und nur den wirklichen Verbrauch bezahlen. Die Idee des Teilens geht in dieser Branche inzwischen aber über die gemeinsame Ressourcennutzung hinaus und umfasst auch das Teilen von Wissen, Kontakten und Erfahrungen, sowohl innerhalb der Unternehmen als auch in der Zusammenarbeit mit Lieferanten und Kunden. Der Trend ist nach Auffassung der führenden Hightech-Unternehmen Deutschlands so mächtig geworden, dass sie »Shareconomy« - so das Modewort für die neue Philosophie des Teilens und Tauschens - zum Leitthema für die diesjährige CeBIT in Hannover gemacht haben.

Jörg Klingbeil

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