Die Warte des Tempels

Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 169/3 - März 2013

 

 

Die provozierenden Gleichnisse - Peter Lange

Vom Umgang mit Geld (Teil 2) - Christine Klingbeil, Melanie Henker, Marcel Henker

Solidarität mit Griechenland - Brigitte Hoffmann

Schriftleiterwechsel beim Templer Record - Peter Lange

Die erste Turmuhr der Templer - Peter Lange

Die provozierenden Gleichnisse

Ein Bibel-Forscher setzt sich mit Jesu Gleichnis-Geschichten auseinander

In dem Aufsatz »Es fing alles mit Johannes an« in der Februar-»Warte« zeigte ich auf, wie Jesus von Nazareth nach seinem Zusammentreffen mit dem Täufer-Propheten seinen eigenen religiösen Weg suchte. Sein öffentliches Auftreten war gekennzeichnet durch die Verkündigung eines bereits angebrochenen Gottesreiches, das sich - anders als bei Johannes - nicht gewaltsam, sondern gewaltlos und allmählich - wie das Wachstum einer Saat - durchsetzen werde.

So sieht es jedenfalls der bekannte Jesus-Forscher John Dominic Crossan in seinem neuesten Buch »The Power of Parable« (Die Kraft der Gleichnisse). Mit Recht beschäftigt sich der Autor in dieser Veröffentlichung mit dem Medium, mit dem Jesus als Lehrer und Prediger seinen Zeitgenossen das Gottesreich vor Augen führen wollte. Jesus war kein Systematiker, der eine durchstrukturierte Glaubenslehre schaffen wollte. Er hat dieses Reich allein durch Bilder und Geschichten veranschaulicht. Dem in den Evangelien enthaltenen Schatz an »Gleichnissen« hat sich Crossan in seinem Buch in spannender Weise zugewandt.

Er stellt interessante Fragen: War Jesus der Erste, der Gleichnisse als Einkleidung wichtiger Aussagen verwendet hat? Warum bediente er sich dieser Form der Ansprache an die Menschen? Warum »redete er nur in Gleichnissen«, wie es in Markus 4, 34 gesagt wird? Crossan geht zunächst auf die literarische Form von Gleichnissen ein, wenn er sie - in Abgrenzung zu Legenden und Mythen - als »erfundene Geschichten mit erfundenen Personen« charakterisiert. Und er weist anhand von Beispielen nach, dass es auch schon vor Jesus in der Bibel solche Geschichten gab.

Interessant ist die Vorgehensweise Crossans, wenn er die Gleichnisse der biblischen Tradition - auch die der Ära vor Jesus - in verschiedene Arten einteilt: in rätselhafte Gleichnisse (solche, die Rätsel enthalten; riddle parables), in exemplarische Gleichnisse (solche, die für etwas beispielhaft sein sollen; example parables) und in provozierende Gleichnisse (solche, die zu einer neuen Denkweise herausfordern; challenge parables). Als Forscher mit Schwerpunkt auf Jesus-Texten weist er darauf hin, dass sich Jesus von Nazareth in besonderer Weise dieser dritten Kategorie von Gleichnissen bedient hat. Interessanterweise sind solche Herausforderungen auch schon im Alten Testament zu beobachten, sogar in Buchlänge bei Ruth, Jona und Hiob.

Es ist sicher nicht allzu schwer, die provozierenden Gleichnisse Jesu aus den neutestamentlichen Schriften herauszufiltern. Wir können dieser Kategorie Gleichnisse zuordnen wie etwa das vom Pharisäer und Zöllner, von den Arbeitern im Weinberg, von den anvertrauten Pfunden, vom verlorenen Sohn oder vom barmherzigen Samariter. Jesus wählt hier die Form einer erfundenen Geschichte, um seine Zuhörer zum Über- und Umdenken ihrer bisherigen inneren Einstellung zu einer Sache zu bewegen, und er wählt dazu harte Kontrastmittel. Er will, dass seine Zuhörer darauf reagieren, miteinander darüber diskutieren, neue Gesichtspunkte für einen Sachverhalt finden.

Nehmen wir als Beispiel nur mal das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (nur bei Lukas 10,30b-35 wiedergegeben). Hier erzählt Jesus eine Geschichte, in der Personen vorkommen - Priester und Levit - , die in ihrer sozialen Stellung hoch respektiert sind und mehr oder weniger als »Hüter der Religion« gelten. Sie haben ihre guten Gründe, sich nicht mit einem blutenden Raubopfer zu verunreinigen. Ausgerechnet ein in damaliger Zeit für »ungläubig« gehaltener Samaritaner kümmert sich um den am Straßenrand liegenden Verletzten, versorgt ihn und will sogar für Kosten aufkommen, die der Notfall noch mit sich bringen könnte. Es ist keine reale Begebenheit, aber eine, die bei den Zuhörern zum Nachdenken Anlass geben wird.

Dieser Geschichte vom Geschehen »auf dem Weg von Jerusalem nach Jericho« geht im Lukas-Evangelium die Frage eines Gesetzeskundigen an Jesus voraus, was er denn tun müsse, um das »ewige Leben zu ererben«, und der auf Jesu Erwiderung, er solle »Gott lieben und seinen Nächsten wie sich selbst«, fragte, wer denn »sein Nächster« sei. Und sie endet mit der Frage Jesu an den Gesetzeskundigen: »Welcher von den dreien dünkt dich, sei der Nächste des unter die Räuber Gefallenen gewesen?«

Crossan nimmt an, dass die Zufügung dieser Anfangs- und Endteile dem Evangelien-Verfasser zuzuschreiben sind, der dem provozierenden Gleichnis von Jesus dadurch den Charakter eines exemplarischen, beispielhaften Gleichnisses verleihen wollte. Damit sei jedoch die ursprünglich intendierte direkte Herausforderung an die Gleichnis-Zuhörer - und Leser - weggenommen worden, sich mit traditionellen Glaubensinhalten und Denkweisen auseinanderzusetzen und sie zu hinterfragen, denn eine Beurteilung liege dem Text des Evangelisten ja schon bei. Kann es also Lukas gewesen sein, der die Gleichnisgeschichte mit dem ebenfalls von Jesus stammenden Doppelgebot der Liebe fest verknüpft hat? Oder war diese Verknüpfung in der Überlieferung schon immer vorhanden gewesen?

Crossan führt als Argument für seine Annahme ein weiteres Gleichnis aus dem Lukas-Evangelium an, das vom Pharisäer und Zöllner (Lukas 18,10-13). Auch dort finden wir eine »Einkleidung«, ein Vor- und ein Nachwort. Hier das Vorwort: »Er sagte zu einigen, die sich anmaßten, fromm zu sein und die andern zu verachten, dies Gleichnis« und das Nachwort: »Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener, denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.« Auch hier wird also durch den Evangelisten die Konsequenz der Gleichnisgeschichte vorweggenommen, die Jesus in den Köpfen der Hörer seiner Geschichten bewirken wollte - eben eine Herausforderung an eingefahrene Denkstrukturen.

Ich konnte in meinen Ausführungen hier nur einige wenige thematische Schwerpunkte des Buches von John Dominic Crossan aufzeigen. Man könnte noch manches mehr an analytischer Verarbeitung des Jesus-Stoffes schildern. Ganz unerwähnt gelassen habe ich auch den zweiten Teil des Buches, in dem der Verfasser sich die Frage stellt, ob nicht auch die einzelnen Evangelien in sich geschlossene Gleichnisse - diesmal Gleichnisse über Jesus - sind. Das bleibt eventuellen weiteren Buchauszügen vorbehalten, in denen es dann um die Frage geht, die dem Buch als Untertitel beigegeben ist, wie denn die Geschichten von Jesus zu Geschichten über Jesus wurden.

Peter Lange

Vom Umgang mit Geld (Teil 2)

Im Anschluss an die »Warte« vom Februar werden in dieser Ausgabe die restlichen drei Beiträge aus dem Jugendsaal am 2. Dezember 2012 abgedruckt.

Ist ein Leben ohne Geld möglich?

Geld ist zwar nur ein Zwischentauschmittel, ordnet den Dingen in unserer Welt aber dennoch einen materiellen Wert zu. Die Zahlen um uns herum verleihen unserem Wertesystem Struktur. Umso erstaunlicher, da Geld an sich keinen Wert hat. Es ist nur so viel wert, wie wir uns davon kaufen können. Und dennoch sind es zumeist die Zahlen auf dem Konto, die uns ein Gefühl von Sicherheit geben. Die Zahlen auf dem Preisschild, die den Wert einer Ware definieren. Geld ermöglicht uns, autonom zu handeln, freie Entscheidungen zu treffen und diese auch umzusetzen. Es bringt aber auch eine Distanzierung zu den Dingen, die wir konsumieren, mit sich. Würden wir unsere Nahrung selbst anbauen und erjagen, würden wir nicht 1/3 der Lebensmittel wegwerfen. Würden wir sehen, wie Kinder unsere Kleidung nähen, würden wir sie wohl nicht kaufen, und würden wir unser Wasser selber holen und reinigen, würden wir es wohl nicht verschwenden und zu einer Kloake verkommen lassen. Geld ermöglicht uns den Erwerb von Dingen, ohne über deren Herkunft nachdenken zu müssen. Und zweifellos hat unser Geldsystem mit Zinsen und Schulden maßgeblich dazu beigetragen, dass Wettbewerb und Konkurrenzdenken zwischen den Menschen vorherrschen. Die Sicherheit, die früher die Gemeinschaft bot, bietet heute das Geld. Und nicht nur das - Geld bestimmt in vielerlei Hinsicht auch unser Denken und ist oft der einzige Antrieb für unser Handeln. Der Partner wird nach dessen Kontostand ausgewählt und die Mitmenschen werden je nach Status (bzw. ihrem Umgang mit Geld) in die entsprechende Schublade gesteckt. Die Arbeit eines Menschen hat vor allem den Wert, den der Lohn ihr bescheinigt.

Aber ist andererseits ein Leben ohne Geld überhaupt möglich? Es gibt bis heute einige Volksstämme, die komplett ohne Geld auskommen. Wie zum Beispiel die Pirahã am Ufer des Amazonas. Sie leben vornehmlich vom Jagen und Fischen und davon, was die Natur ihnen darüber hinaus schenkt. Sie gelten als eines der glücklichsten Völker auf unserem Planeten. Glück ist also definitiv nicht an materiellen Wohlstand gebunden - ich denke, da sind wir uns einig. Interessanterweise betreiben auch die Pirahã innerhalb ihrer Möglichkeiten Handel, obwohl es in ihrer Sprache keine Zahlen gibt. Und auch wenn sie bei diesen Tauschgeschäften nach unseren Standards regelmäßig übervorteilt bzw. über den Tisch gezogen werden, so ist das für sie nicht weiter relevant. Sie haben keine weitere Verwendung für die eingetauschten Dinge - deren realer Gegenwert und damit die Ausschöpfung des eigenen Vorteils ist zweitrangig.

Wir aber können in unserer westlichen Welt nur bedingt durch Jagd und Fischerei überleben. Wie Inga bereits sagte, gibt es vielerorts kaum Platz für das eigene Stückchen Land, um eine Selbstversorger-Existenz zu führen. Welche Möglichkeiten gibt es also für uns innerhalb unserer Gesellschaft, dem ‚Mammon‘ abzuschwören?

In einigen Gegenden Deutschlands ist zumindest bereits ein Leben ohne Euro möglich. Regionale Euro-Ersatzwährungen gibt es hierzulande seit 2001, mit wachsender Tendenz. Da gibt es »Kirschblüte«, »KannWas«, »Nahgold«, »Havelblüte« , »Chiemgauer«, »Sterntaler« oder »Berliner«. Sie zirkulieren im Papiergeld- oder Gutscheinformat und sorgen für die Förderung regionaler Wirtschaftsbeziehungen und die Bindung der Kunden an die Region. Die teilnehmenden Unternehmen erhoffen sich damit, der Globalisierung entgegen zu wirken und die Beziehungen untereinander solidarischer und transparenter zu gestalten.

Zudem versuchen sich immer mehr Menschen von unserem vorherrschenden Wertesystem zu distanzieren, indem sie sich in Tauschringen u.ä. organisieren. Wie der Name schon sagt, handelt es sich dabei um eine Plattform, die es den Teilnehmern ermöglicht, zumeist Dienstleistungen, gelegentlich auch Waren, untereinander zu tauschen ohne den Einsatz gesetzlicher Zahlungsmittel. Bei der Zeitbörse wird dabei jede Tätigkeit als gleichwertig angesehen und demzufolge wird über die Einheit »Zeit«, anstatt über die entsprechende Landeswährung abgerechnet. Eine Stunde Gartenarbeit ist demnach genauso viel wert wie eine Stunde Programmieren. Da kann es wie bei Günter Hoffmann schon mal heißen: »Tausche Marmelade gegen Steuererklärung«.

All das basiert aber immer noch auf einer bestimmten Lebensform: der Tauschgesellschaft. Hinter jedem Tun steht eine Absicht, die Frage: »Was erhalte ich, wenn ich dieses oder jenes tue?« Sei es nun der Handel oder Tausch von Waren oder das Opfern von Zeit und/oder Arbeitskraft. Es geht stets darum abzuwägen, zu vergleichen, zu feilschen, zu konkurrieren.

Daher gehen Menschen wie Heidemarie Schwärmer noch einen Schritt weiter. Sie will wegkommen von einer Gesellschaft des Tauschens, hin zu einer Welt des Teilens. Alles begann mit einem Experiment. Sie gründete in Dortmund die »Gib und Nimm«-Zentrale, einen Tauschring, der regen Zulauf erhielt. Die Tatsache, dass sie immer weniger Geld brauchte, stachelte sie an, es für ein Jahr ganz ohne Geld zu versuchen. Sie kündigte ihre Mietwohnung, gab ihre Versicherung und ihren Besitz auf. Aus dem einen Jahr sind mittlerweile 16 geworden. Ihr Lebensalltag ist abenteuerlich und abwechslungsreich. Sie macht House-, Dog- und Babysitting, übernimmt Nachbarschaftsdienste, bekommt oft im Gegenzug dafür Essen oder Kleidung und gibt jedem, der es braucht, eine psychologische Beratung (in ihrem »früheren« Leben war sie neben Lehrerin auch Psychotherapeutin). Das ganze geschieht nicht auf Basis einer direkten Abrechnung, wie das mit Geld der Fall wäre. Sie ist der Überzeugung, dass Geld oft der Nähe und Hilfsbereitschaft zwischen den Menschen im Weg steht. Erst durch großzügies Geben, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, können Nähe, stabile Bindungen, Freundschaften und eine Gemeinschaft, deren Mitglieder füreinander da sind, entstehen. Mittlerweile beschränkt sich ihr Tausch- und Teilradius nicht mehr nur auf das »Gib und Nimm«-Umfeld, sondern Gelegenheiten zum Tauschen und Teilen ergeben sich überall. Dennoch bleibt festzustellen, dass solch ein Leben nur dann umsetzbar ist, wenn einem andere Menschen die Möglichkeit geben, sich einzubringen, und selber bereit sind, großzügig zu geben.

Es scheint also, als wäre ein Leben ohne Geld nur durch Eigentum (als Selbstversorger auf eigenem Land) oder durch die Mithilfe anderer Menschen möglich. Dabei ist es ein sehr schmaler Grat zwischen »mithilfe anderer Menschen ohne Geld auskommen« und »auf Kosten anderer leben«.

Was heißt das jetzt für uns? Sollen wir alle unsere Wohnung aufgeben, den Job und sämtliche Versicherungen kündigen, um den Weg zu einem würdevollen Miteinander zu finden? Das wäre wahrscheinlich ein bisschen zu viel verlangt. Für einen solchen Schritt bedarf es viel Muts, Engagements, helfender Hände und Gottvertrauens. Aber auch wir können uns bemühen, ein Leben im Sinne des Teilens zu führen. Ich persönlich finde, dass das innerhalb unserer kleinen Gemeinde schon recht gut funktioniert. Ein jeder gibt, was er kann; er bringt sein Vermögen ein - nicht im Sinne von materiellem Reichtum, sondern im Sinne dessen, was er zu geben vermag. Sei das nun Zeit, ein selbst gebackener Kuchen, ein Wort- oder musikalischer Beitrag, ein offenes Ohr oder doch auch ein Obulus. Denn wir wissen, dass Geld durchaus auch ein Segen sein kann. Nämlich genau dann, wenn wir damit Gutes tun. Letztendlich kommt es also nicht auf den Kontostand an. Ob wir uns nun entscheiden, ein Leben ganz ohne Geld zu führen wie Heidemarie Schwärmer, oder unsere finanziellen Mittel wertschätzen. Wichtig ist, dass wir uns auf unserer finanziellen Sicherheit nicht ausruhen. Dass wir uns bewusst machen, dass es im Leben nicht darum geht, was man hat, sondern was man damit bewirkt. Hier schließt sich der Kreis zu der von Inga bereits zitierten Bibelstelle aus 1.Timotheus 6, denn da heißt es nachfolgend in den Versen 17-19: »Den Reichen in dieser Welt gebiete, dass sie nicht stolz seien, auch nicht hoffen auf den ungewissen Reichtum, sondern auf Gott, der uns alles reichlich darbietet, es zu genießen, dass sie Gutes tun, reich werden an guten Werken, gerne geben, behilflich seien, sich selbst einen guten Grund legen aufs Zukünftige, auf dass sie ergreifen das wahre Leben.«

Christine Klingbeil

Geld regiert die Welt - oder?

Geld ist in unserer heutigen Gesellschaft mehr als nur ein Tauschmittel, mehr als ein Medium, das uns erlaubt, das zu kaufen, was wir zum Leben brauchen.

Geld hat vielmehr neben der wirtschaftlichen immer auch eine psychosoziale Bedeutung. Es steht für Erfolg, Sicherheit, Anerkennung, Macht, Lebensqualität und Selbständigkeit. Geld ruft Gefühle wie Stolz oder Neid hervor und beeinflusst maßgeblich, wie wir andere Menschen bewerten. Auch unseren Selbstwert binden wir an Geld - was sich beispielsweise im Unbehagen äußert, das viele Männer verspüren, wenn sie weniger verdienen als ihre Lebenspartnerin.

Dass viele Menschen lieber für einen Hungerlohn arbeiten als staatliche Unterstützung in gleicher Höhe in Anspruch zu nehmen, zeigt ebenfalls: Geld füllt nicht nur unseren Kühlschrank, sondern hat viel mit Ehre und Bestätigung zu tun. Forscher haben herausgefunden, dass nicht die Höhe des Gehalts entscheidend ist für das Wohlbefinden, sondern der Rang im Gehaltsvergleich. Heißt: Wir sind glücklich, wenn wir mehr verdienen als unsere Kollegen, Nachbarn und Freunde. Doch was stellt Geld mit uns an? Wie Geld wirkt, hängt also entscheidend davon ab, wie es dem sozialen Umfeld geht. In Regionen, in denen auch viele andere Bewohner Geldsorgen haben, gehen die Menschen mit ihrer Überschuldung deutlich gelassener um und können trotz überbordender Zinszahlungen nachts ruhig schlafen. Für viele Menschen scheint die große Erfindung Geld daher meistens einem ganz profanen Zweck zu dienen: Sich mit anderen zu vergleichen.

Es ist erstaunlich, wie oft in der Bibel von Besitz und Reichtum die Rede ist. Viele der Gleichnisse, die Jesus erzählt, handeln vom Geld und von Gütern. Sie dienen nicht nur zur Befriedigung der täglichen Bedürfnisse, sondern schaffen auch Raum für Vorlieben aller Art - nicht nur gute. Daher kann Besitz wie kaum etwas anderes den Charakter eines Menschen verändern.

Schon im Alten Testament werden Besitz und Reichtum mit dem Segen Gottes in Verbindung gebracht. Abraham und Hiob sind nur zwei dieser Personen, die zeigen, dass Gerechtigkeit und Glaube nicht im Widerspruch zu Besitz stehen müssen. Im Gegenteil. Vorausgesetzt, der Reichtum kam nicht auf ungerechte Weise und auf Kosten anderer zustande, kann er zum Segen für andere werden.

Am häufigsten wird im Zusammenhang zum Thema Geld und Besitz eine Stelle aus dem Matthäus-Evangelium zitiert (Mt 22,21). Dort heißt es: »Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist.« Damit positioniert sich Jesus eindeutig. Er verweigert sich nicht dem Geld, aber er betont deutlich, welche Bedeutung er dem Geld beimisst. Er weist nachdrücklich darauf hin, dass Geld zur weltlichen Macht gehört. Jeder Bürger muss seine Steuern zahlen, seinen finanziellen Beitrag an der Gesellschaft leisten. Er sieht Geld als eine Einrichtung, die den Menschen auf keinen Fall beherrschen darf.

Unabhängig davon, ob wir Christen sind oder nicht, die Aussage der Bibel betrifft jeden von uns: Wir müssen verantwortungsvoll mit dem Geld umgehen. Diese Verantwortung hat zwei Dimensionen. Zum einen sollen wir uns vom Geld nicht verführen lassen, nicht in seinen Bann geraten und es als einen Gott anbeten. Zum anderen sollen wir unser Geld verantwortlich nutzen. Die Bibel versteht darunter, wie es im ersten Brief an Timotheus heißt: »Die Menschen sollen wohltätig sein, reich werden an guten Werken, freigebig sein und, was sie haben, mit anderen teilen. So sammeln sie sich einen Schatz als sichere Grundlage für die Zukunft …« (1. Timotheus 6,18).

Es ist also durchaus moralisch einwandfrei, Besitz und das Vermögen in Dankbarkeit zu genießen, wenn man nicht selbstsüchtig handelt, sondern auch den Nächsten berücksichtigt.

Melanie Henker

Und was ist mit mir?

Nein. Was ist mit mir? Mit mir… was ist nur los mit mir? Was mache ich eigentlich den ganzen Tag? Ich arbeite, ich esse, ich schlafe…

Arbeiten, essen, schlafen… ich muss arbeiten, essen, schlafen…ich muss arbeiten, essen. Nein stopp. Ich muss arbeiten. Muss ich arbeiten?

Ich will einen Freund fragen… wer ist denn mein Freund…? Meine Freunde haben sowieso keine Zeit…. Zeit. Keine Zeit, jetzt drüber nachzudenken. Zeit zu arbeiten. Sei nützlich!

Wem nützt‘s denn? Naja was nützt‘s, zu denken. Nicht denken! Das lenkt ab! Lenkt ab von was? Von der Arbeit, jaja… was mache ich denn jetzt gerade?

Ist schon spät geworden. Bald bin ich daheim. Ging doch jetzt recht schnell, wenn man erst nach dem üblichen Berufsverkehr Feierabend macht. Ist doch praktisch.

Die Treppen hoch in den ersten Stock. Ich wohne nicht mehr im sechsten - der Weg war immer so lang, völlig unwirtschaftlich.

An den Türen der Nachbarn hängen kleine Säckchen mit Mandarinen und Walnüssen, war bestimmt der Hausmeister. Meine Tür ist grau. Wie hießen sie doch gleich, die Nachbarn? Ich bin erschöpft, ich gehe schlafen.

Es ist kalt. Ich bin pünktlich. Kein Berufsverkehr am 25. Dezember.

 

Die Kurzgeschichte, natürlich total übertrieben, der Protagonist symbolisch überspannt dargestellt. Die Handlung unwahrscheinlich. Das waren meine ersten Eindrücke. Doch ist die Handlung wirklich so weit hergeholt? Der Protagonist, ich will ihn Mensch nennen, stellt sich auf dem Weg von der Arbeit zu seiner Wohnung die Frage, wo er denn steht. In seinem Monolog reflektiert er zunächst kritisch sich selbst. Steht dies doch im direkten Kontrast zu den letzten Zeilen, in denen er nur berichtet, die Gegenwart. Der Mensch ist verunsichert, er fragt nach einem Freund und muss kritisch feststellen, dass seine Freunde keine Zeit haben. Er ist sich des Weiteren gar nicht darüber im Klaren, ob er überhaupt Freunde hat. Doch so, wie wir ihn im weiteren Verlauf kennenlernen, ist es da nicht viel wahrscheinlicher, dass er keine Zeit hat? Der Mensch wird unsicher, er steht vor der Erkenntnis alleine zu sein. Er hat keinen sozialen Halt, selbst an die Namen seiner Nachbarn kann er sich nicht erinnern. Seine soziale Abkopplung zeigt sich auch darin, dass alle seine Nachbarn Weihnachts­geschenke bekamen, er nicht; er weiß scheinbar nicht einmal, dass Weihnachten ist. Statt diese Erkenntnis jedoch anzunehmen, verdrängt er die Gedanken und begibt sich wieder in Sicherheit, dorthin, wo strenge Abläufe vorgegeben sind und Improvisieren scheinbar nicht nötig ist. Der Mensch lebt, wie er arbeitet, wirtschaftlich. Dies zeigt sich auch darin, dass er vom sechsten Stock in den ersten zog. Selbst nach der Arbeit sind seine Gedanken nur bei seiner Arbeit. Er kann nicht abschalten. Als Trost sieht er das Positive, kein Berufsverkehr… Das scheint aber auch schon alles zu sein. Dass er nicht weiß, dass Weihnachten ist, zeigt ganz deutlich, dass der Mensch in seiner Arbeit lebt - es gibt weder Feier- noch Freitage, sondern nur Arbeitstage. Diese Eintönigkeit wird durch die Farbe grau untermalt. Die graue Wohnungstür steht außerdem symbolisch für Monotonie. Die Wohnungstür macht dem Leser keine Hoffnung darauf, dass sich das Leben hinter der Tür ganz anders abspielt als davor. Wo bleibt denn der Mensch bei all dem Arbeiten?! Was machen mit dem Geld, das man verdient? Wo ist die Antwort auf die Frage "Und was ist mit mir?"

Geld ist die wichtigste Ressource in unserer Zeit. Doch dürfen wir über dem Verdienen dieser Ressource nicht uns selbst vergessen. Warum arbeiten wir denn so viel, dass uns keine Zeit mehr bleibt, das verdiente Geld auszugeben, zu investieren? Wissenschaftler haben mithilfe von Langzeitstudien jetzt festgestellt, dass eine Investition in Freizeit eine Investition in Lebenszeit ist. Je mehr Freizeit wir haben, desto entspannter sind wir und desto besser gehen wir mit Stress um, desto weniger werden wir krank usw. usw. Es macht keinen Sinn, für das Geld zu arbeiten. Viel mehr Sinn macht es, für seine Freizeit zu arbeiten. Wer genug Freizeit hat, dem fällt auch der Weg zur Arbeit nicht allzu schwer. Warum ist das Ziel der meisten, ein Vermögen an Materiellem anzuhäufen? Viel gesünder ist es, ein Vermögen an Freizeit anzuhäufen. An der erfreut man sich nach aktueller Studie dann auch viel länger.

Marcel Henker

Solidarität mit Griechenland

Der Griechenland-Bericht in der letzten »Warte« (»Ein Land dreht durch«) hat sicher viele unserer Leser geschockt; mich auch. Denn er macht anschaulich, was das, was wir in den Zeitungen lesen - Sparpakete und Rettungsschirme, Hilfspakete und Schuldenschnitt - in der Praxis für die Menschen bedeutet. Es geht nicht nur um Wirtschaftstransaktionen, sondern auch um menschliche Schicksale. Jörg Klingbeil weist am Schluss zu Recht darauf hin: der Bericht kann und sollte unser Gefühl für Solidarität wecken.

Trotzdem hat mich der Artikel etwas unbefriedigt gelassen; d.h. nicht eigentlich der Artikel, sondern der Bericht von Georg Pieper, auf dem er weitgehend beruht. Pieper ist Traumatologe, er war in Athen, um griechische Ärzte und Psychiater fortzubilden - also wohl 2-5 Tage lang. Er berichtet über das, was er in dieser Zeit erfahren hat, wohl hauptsächlich von den versammelten Ärzten. Das heißt nicht, dass das, was er berichtet, falsch ist. Aber es weckt, zumindest bei mir, ein leises Unbehagen: wie repräsentativ ist eine solche Momentaufnahme? Und, wichtiger: sie beschreibt einen Zustand, aber sie sagt nichts über die Zusammenhänge und nichts über mögliche Ansätze zu einer Verbesserung. Das kann man Pieper nicht vorwerfen. Das ist so kompliziert, dass sich die Fachleute über jede neue Maßnahme streiten.

Pieper will aufrütteln, und das ist gut so. Deshalb haben wir den Artikel gebracht. Aber es bleibt die Frage: aufrütteln wozu? Jörg Klingbeil, der Autor des Artikels, gibt in seinem Schlussabschnitt eine Antwort: zu mehr Empathie, dazu, Berichte über Griechenland differenzierter zu lesen. Das ist sicher richtig. Aber ist es genug?

Deshalb, quasi als Ergänzung, bringen wir im folgenden noch einen Beitrag zum Thema Griechenland: einen Auszug aus einem Interview, das die Wochenschrift »Die Zeit« mit Jeffrey Sachs geführt hat (Ausgabe vom 10.1.2013), unter der Überschrift: »Deutschland muss das durchziehen«. Sachs ist einer der renommiertesten Volkswirtschafts­wissenschaftler weltweit. Wie viel Erfahrung er hat mit der Sanierung bankrotter oder fast bankrotter Staaten, geht aus dem Interview selbst hervor.

 

Interview:

»Deutschland muss das durchziehen«

Das Programm des US-Ökonomen Jeffrey Sachs

 

Sachs: Schuldenerlass für die Griechen, Reformen in Südeuropa, höhere Steuern für Amerika. ...

Zeit: Sie wollen mehr deutsches Geld für Griechenland?

Sachs: Sehen Sie, Griechenland ist wirklich bankrott. Es braucht eine große Abschreibung auf seine Schulden. Für den deutschen Steuerzahler wird das Verluste bedeuten. Aber Deutschland muss das jetzt durchziehen - anders lassen sich Griechenlands Probleme nicht lösen.

Zeit: Also soll Deutschland einen Teil der Kredite erlassen, die es in den Rettungsbemühungen an Griechenland vergeben hat?

Sachs: Ja, aus meiner Erfahrung. Ich habe 30 Jahre meines Lebens mit solchen Problemen verbracht. Zum Beispiel ist in den 1980er Jahren Lateinamerika durch die gleichen Programme gegangen wie heute Griechenland. Die Länder dort sind gescheitert, eines nach dem anderen. Das Ergebnis: Populismus, Aufruhr, wirtschaftlicher Zusammenbruch. Lateinamerika erholte sich erst, nachdem die USA als größter Kreditgeber einen großen Teil der Schulden erlassen hatten. Genau das muss Deutschland als Griechenlands größter Kreditgeber jetzt auch tun. Wenn die Dinge so aus dem Ruder gelaufen sind, muss der Gläubiger die Wahrheit akzeptieren: Er wird seinen Kredit nicht ganz zurückbekommen. Es ergibt keinen Sinn, von den Griechen mehr zu fordern, als sie zahlen können.

Zeit: Das klingt nicht nach einem Programm, mit dem man im September zum Kanzler gewählt wird.

Sachs: Selbstverständlich wollen die deutschen Politiker das nicht sagen. Aber es ist die unvermeidliche ökonomische Wahrheit. Man muss aufhören mit der Prinzipienreiterei »Griechenland muss zahlen, Griechenland muss sich anpassen, Griechenland muss seinen Haushalt ausgleichen«. Stattdessen muss man auf ökonomische Szenarien schauen, auf Zahlen. Wenn man das tut, dann sieht man immer und immer wieder: Die Abkommen aus den vergangenen Jahren waren unrealistisch. Solche Programme gehen spätestens nach drei Monaten in die Binsen. Und dann gibt es Vorwürfe und Unzufriedenheit. Besser für beide Seiten wäre ein Kompromiss.

Zeit: Stehen die Chancen für einen solchen Kompromiss besser, wenn die Bundestagswahl erst einmal vorüber ist?

Sachs: Ich werde mich nicht in den Wahlkampf einmischen, sondern sage nur so viel: Die deutsche Regierung hat mehr als ein Jahr lang mit der schlechten Idee geflirtet, Griechenland aus der Euro-Zone auszustoßen. Aber dann hat sich die Regierung dafür entschieden, den Währungsraum zusammenzuhalten. Ich würde mir nur noch wünschen, dass sie die daraus folgenden Schritte entschiedener und schneller umsetzt.

Zeit: Wie lange wird es Ihrer Erfahrung nach dauern, bis Deutschland akzeptiert, dass es Griechenland Schulden erlassen sollte?

Sachs: Im Fall Lateinamerikas in den 1980er Jahren haben die USA fast ein Jahrzehnt gebraucht, um das zu verstehen. Und es wird für einen deutschen Kanzler kein Spaß, den Wählen zu sagen: »Wir geben einen Teil unseres Geldes verloren, damit Griechenland die Chance auf einen realistischen Neuanfang bekommt.«

Zeit: Selbst dann werden viele Deutsche es noch für unfair halten, die Griechen dafür zu belohnen, dass sie über ihre Verhältnisse gelebt haben.

Sachs: Um die Krise zu lösen, ist das Gefühl von Fairness besonders wichtig. Das bedeutet: Die Deutschen müssen den Schmerz der Griechen mitfühlen.

Zeit: Aber wie ist das möglich?

Sachs: Lassen Sie mich mal eine Geschichte erzählen. Ich habe 1989 die polnische Regierung beraten. Sie saß auf Schulden aus der Zeit des Warschauer Pakts, die unbezahlbar waren. Also habe ich gesagt: Ein großer Teil dieser Schulden muss erlassen werden. Das hat viele erzürnt. Eigentlich alle sieben größten Wirtschaftsmächte der Welt. Ich habe sie überzeugt, einen nach dem anderen. So ziemlich als letztes Land hat Deutschland eingelenkt.

Zeit: Wie haben Sie das hinbekommen?

Sachs: Ich bin zur Nationalbibliothek nach Washington gefahren und habe mir eine Kopie des Londoner Abkommens besorgt, mit dem Deutschland 1953 einen großen Teil seiner Kriegsschulden erlassen bekommen hatte. Ein führender polnischer Politiker brachte das Dokument zu Helmut Kohl. Er schaute sich die Kopie an und sagte: Das ist ein starkes Argument. ...

 

Sachs beleuchtet die Situation aus einem ganz anderen Blickwinkel: wirtschaftspolitisch, zunächst rein rational. Und doch berühren sich die beiden Artikel in zwei Punkten. Und die möchte ich noch etwas deutlicher herausheben, weil sie beide mit Ethik zu tun haben.

Das eine ist die Frage nach der »ökonomischen Wahrheit«, nach der Anerkennung der gegebenen Fakten. Die läßt zu wünschen übrig. Bei Pieper kommt das nur am Rande vor und heißt »Wir werden belogen«. Gegen diese Art von Pauschalurteilen bin ich allergisch. Bei Sachs wird deutlich, warum das so ist. In einem demokratischen Staat brauchen Politiker bei wichtigen Fragen die Zustimmung des Parlaments, bei allen - mehr oder weniger - die der Bevölkerung; deutlich wird das, wenn Wahlen anstehen (aber in Deutschland stehen fast immer Wahlen an). Darum bekommen wir immer wieder gesagt: »Die Hilfsgelder, die Griechenland bisher bekommen hat und weiter bekommen soll (unter Auflagen), sind ja nur Kredite, die mit der Zeit zurückgezahlt werden; das kostet uns nichts«. Das ist formal richtig und ist inhaltlich trotzdem falsch, weil - nach Sachs‘ Analyse - Griechenland seine Schulden nie wird zurückzahlen können. Die Hilfsgelder fließen zum größten Teil in die Bezahlung der Schuldzinsen und nicht in die dringend benötigten Investitionen.

Ich habe nur eine einzige Aussage eines Politikers gefunden, in der dieses Problem offen angesprochen wird, von Peer Steinbrück (gekürzt und sinngemäß zitiert): »Wir stehen in einer Solidargemeinschaft (denn als solche versteht sich die EU), und das bedeutet, dass wir in einer Notsituation auch bereit sein müssen zu zahlen«. Zitiert wurde das in der »Zeit«, bezeichnenderweise in einem Artikel über die Fettnäpfchen, in die Steinbrück seit seiner Kanzlerkandidatur getreten war. Zwar schloss der Artikel mit der Bemerkung, dass Steinbrück in den meisten Fällen in der Sache recht gehabt habe, dass es aber inopportun sei, das zu diesem Zeitpunkt zu sagen. So viel zur Wahrheit in der Politik.

Solidargemeinschaft, Solidarität - das ist der zweite Punkt, der mir an diesem Interview wichtig ist. Es ist auch der einzige, an dem Sachs Gefühl ins Spiel bringt. Er sagt: »Zur Lösung einer Krise ist das Gefühl der Fairness wichtig« und: »Die Deutschen müssen den Schmerz der Griechen mitfühlen« - genau das, was Pieper anstrebt. Auf den ersten Blick hat mich das etwas irritiert. Was hat das eine mit dem andern zu tun, und was ist fair daran, dass wir für die zum großen Teil selbstverschuldete Misere der Griechen zahlen sollen?

Auf eine entsprechende Frage antwortet Sachs indirekt, mit der Geschichte, wie er 1989, als ein Schuldenschnitt für Polen anstand, Bundeskanzler Kohl als letzten der Gläubiger (!) überzeugte, dass ein solche Schritt notwendig sei. Er konfrontierte ihn mit dem Londoner Abkommen von 1953, in dem Deutschland ein großer Teil seiner Kriegsschulden erlassen wurde. Das heißt zunächst: damals wurde uns geholfen, also ist es nur fair, dass wir heute Griechenland helfen. Es heißt aber noch mehr. Diese Schulden stammten aus einem Krieg, den wir mutwillig vom Zaun gebrochen und in dem wir - neben allen Verbrechen - fast ganz Europa ausgeplündert hatten (einschließlich der Staatskassen der besetzten Länder). Wir waren um vieles schuldiger, als es die Griechen heute sind. Und trotzdem haben uns die Gläubiger, die Sieger, eine neue Chance gegeben; ohne sie wäre das viel gepriesene Wirtschaftswunder der 50er Jahre nicht möglich gewesen. Es wäre nicht nur unfair, es wäre beschämend, wollten ausgerechnet wir jetzt Griechenland eine solche Chance verweigern.

Bis jetzt haben unsere Politiker Angst, das deutlich und öffentlich zu sagen. Aber vielleicht sollten sie ihre Wähler, die vielberufenen »mündigen Bürger« so weit ernst nehmen, dass sie ihnen auch eine unbequeme Wahrheit zumuten. Das Geld, auf das wir mit einem Schuldenschnitt verzichten, wird uns an anderer Stelle fehlen, und das kann uns durchaus einige - im Vergleich zur Not der Griechen - kleine Nachteile bringen. Aber ich denke, wenn man ihnen verständlich und nachdrücklich erklärt, dass ein solcher Schritt wirtschaftlich notwendig und moralisch geboten ist, wäre ein guter Teil der Bürger und der Abgeordneten bereit, das in Kauf zu nehmen.

Er wäre im übrigen auch politisch geboten. Das Szenario, das Pieper beschreibt, erinnert mich fatal an die Situation in Deutschland im Jahr 1932, auf der Höhe der Weltwirtschaftskrise (sie war wohl noch etwas schlimmer): 36% Arbeitslose, Kürzung von Löhnen, Renten, Arbeitslosengeld, aufgepeitschter Hass von links und von rechts, Schlangen von Menschen, die um eine billige Erbsensuppe anstanden. Die Folgen sind bekannt. Eine ähnliche Entwicklung in Griechenland (Pieper deutet die Möglichkeit an) käme uns sehr viel teurer zu stehen als ein Schuldenschnitt.

Und, zum Schluss, noch ein ganz anderer Gesichtspunkt. Wir - ich meine jetzt nicht die Deutschen, sondern uns Templer und die Christen allgemein - berufen uns auf Jesus und seine Botschaft der Nächstenliebe. Dazu gehört aber auch, was er vorgelebt hat: dass diese Nächstenliebe nicht auf das eigene Volk beschränkt bleiben sollte. Er hat nicht die Politik gemeint, sondern jeden Einzelnen. Und das Prinzip lässt sich auch nicht eins zu eins auf die Politik übertragen. Die andere Backe hinzuhalten wäre wohl in den seltesten Fallen gute Politik. Aber mir scheint, dass der Grundsatz, die Nöte und Bedürfnisse der anderen so ernst zu nehmen wie die eigenen (oder vielleicht nicht ganz, aber, doch sehr ernst) spätestens heute, in einer globalisierten Welt, ein Leitfaden sein könnte für eine gute Politik. Ansätze dazu gibt es. Es wird dauern, bis sie gegen den »normalen« nationalen Egoismus aufkommen. Aber wir können mit unserer persönlichen Haltung ein kleines bisschen dazu beitragen - z. B. beim Schuldenschnitt für Griechenland.

Brigitte Hoffmann

Schriftleiterwechsel beim Templer Record

Das aktuelle Februar-Heft der australischen Templer-Zeitschrift »Templer Record« ist die letzte unter der Schriftleitung von Herta Uhlherr verfasste Ausgabe. Die Zeitschrift wird zukünftig von Angela Woodburn redaktionell betreut und nur noch alle drei Monate erscheinen. Dies ist eine Änderung, die nach längeren Beratungen in den zuständigen Gremien der TSA beschlossen worden ist.

Monatlich wird nur noch ein »Newsletter« für Mitglieder und Freunde herausgegeben, der persönliche Nachrichten, Veranstaltungstermine und Berichte von Gemeindekreisen enthält. Dieser Newsletter soll auch in elektronischer Form über das Internet abrufbar sein. Damit wollen unsere australischen Freunde auf neue Gegebenheiten und Wünsche in der Mitgliederschaft reagieren.

In meinen Augen geht damit eine weit über die Tätigkeit von Herta Uhlherr in die Vergangenheit hineinreichende Ära der Templer-Publikationen in Australien zu Ende. Im Vordergrund stehen zukünftig Aktualitäten und Termingebundenes, das Geistige und zeitlos Gültige rutscht dafür etwas in den Hintergrund. Das kann durchaus für die TSA seine Berechtigung haben, deren Schwerpunkt des Glaubenslebens in den zahlreichen Aktivitäten der Gemeinde liegt, weniger in der religiösen Auseinandersetzung. In diesem »praktischen« Christsein liegt, wie sich bisher erwiesen hat, eine Stärke. Es ist sehr zu wünschen, dass es nicht auch zu einer Schwäche wird.

Der Gebietsleiter der TSA, Mark Herrmann, hat aus Anlass dieser Umstellung der bisherigen Schriftleiterin Herta Uhlherr, die ihren Rücktrittswunsch schon vor Längerem geäußert hatte, seine Anerkennung und seinen Dank für ihre 18-jährige Arbeit in diesem Amt ausgesprochen. Er hat gewürdigt, wie sehr sie mit dem Verfassen, Suchen, Übersetzen und Gestalten von Textbeiträgen jeden Monat innerlich engagiert und äußerlich beschäftigt war. Auch mit Bildern, die sie oft selbst aufnahm, hat sie den Inhalt des »Templer Record« bereichert. 200 Ausgaben tragen bis heute ihre Handschrift.

Es ist ein Ausdruck dieser Würdigung ihrer Arbeit, wenn sie jetzt zum Vertreter des Gebietsleiters berufen worden ist. Mit ihrem Rücktritt von der Schriftleitung tritt zu einem Teil auch die Person in den Hintergrund, die wie kaum eine andere unter den TSA-Mitgliedern in der deutschen und der englischen Sprache gleich gut und perfekt zu Hause ist.

Das wird es zukünftig etwas erschweren, wichtige Texte in beiden Sprachen zu veröffentlichen, es sei denn, Herta würde bei Bedarf auch weiterhin für Übersetzungsarbeit offen sein. Ein gegenseitiger Austausch an geistigen, religiösen und templerischen Gedanken wäre damit auch weiterhin gewährleistet.

Peter Lange, Gemeinde-Ältester der TGD

Neues aus dem TGD-Archiv

Die erste Turmuhr der Templer

Als die israelischen Denkmalschützer im Jahr 2005 daran gingen, wegen der notwendigen Verbreiterung der Kaplan-Straße in Tel Aviv fünf ehemalige Templerhäuser (eines davon war das alte Gemeindehaus von Sarona) weiter nach hinten zu verschieben, Ausbau des Uhrwerks im alten Gemeindehaus von Saronaentdeckte man die großenteils noch gut erhaltene Turmuhr mit großem Ziffernblatt und einem mechanischen Uhrwerk aus der Produktion der württember­gischen Firma Perrot in Calw (wir berichteten damals schon darüber in der »Warte«).

Inzwischen hat diese Uhr - die erste Turmuhr der Templer - bei den Restauratoren in Tel Aviv neues Interesse erweckt. Es wird erwogen, ob man das inzwischen ausgebaute Uhrwerk wieder in Gang setzen und das große äußere Zifferblatt in seinem alten Aussehen wieder erneuern könnte. Martin Seeger, der Hauptinitiator des vorletztjähri­gen 500-Jahr-Festes von Zwerenberg im Nord­schwarzwald, hat sich als Mittelsmann angeboten, notwendige Gespräche über eine Instandsetzung der Uhr mit dem heutigen Inhaber von Perrot zu führen.

Die Uhr hat noch eine weitere Besonderheit: Auf alten Fotografien sind auf dem Dach des Gemeindehauses eine große und zwei kleine Glocken auf einem Metallmast zu sehen. Derzeit geht das Rätselraten los: Gereinigtes Perrot-TurmuhrwerkWaren die kleinen Glocken als Schlagwerk verbunden mit der Uhr (um vielleicht die halben oder viertel Stunden anzuzeigen), und wurde die große Glocke als Läutwerk für Gottesdienste und Feste benutzt? Helmut Glenk hat Aussagen ehemaliger Saroner Templer daraufhin ausgewertet und hat für das »große Geläut« auf jeden Fall eine Bestätigung gefunden. Noch nicht geklärt ist, auf welche Weise die kleinen Glocken mit dem Uhrwerk verbunden waren.

Ganz neu ist die Meldung aus Israel, dass alle drei Glocken sich auf dem Hof des Anwesens von Moshe Dayan (ehemaliger Verteidigungsminister Israels) befinden. Es sind Bemühungen im Gang, den jetzigen Grundstücksbesitzer zur Herausgabe der Glocken an den Denkmalschutz zu bewegen. Wir können nur hoffen, dass die laufenden Bemühungen zu einem Erfolg führen. Großen Dank schulden wir denjenigen unter den Restauratoren, die sich so große Mühe um die historisch genaue Wiederinstandsetzung der Kolonie geben, allen voran Shay Farkash.

Peter Lange, Archivleiter

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