Die Warte des Tempels

Monatsschrift für offenes Christentum

Ausgabe 167/3 - März 2011

 

 

Mein Koran

Das ist der Titel eines Artikels in der Zeitschrift »Publik-Forum« (Ausgabe 19/2010, Seite 30) von Karl-Josef Kuschel, Professor für Theologie der Kultur und des interreligiösen Dialogs an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen. Der Titel macht deutlich, dass es um seine persönlichen Erfahrungen mit dem Koran geht. Aber der Inhalt des Artikels geht weit über den persönlichen Aspekt hinaus. Ein Untertitel könnte lauten: »Von der Bedeutung Heiliger Schriften und dem Umgang mit ihnen«. Leider ist der Artikel für unsere Zeitschrift zu lang. Ich musste einiges weglassen, einiges kurz zusammenfassen. Die wörtlichen Zitate sind eingerückt, Auslassungen durch ... gekennzeichnet.

Anstoß für den Artikel waren für Prof. Kuschel einige erschreckende Auswüchse christlicher Intoleranz im letzten Jahr, wie die öffentliche Ankündigung eines evangelikalen Predigers in Florida, dass er zum Jahrestag des New Yorker Attentats 200 Exemplare des Koran öffentlich verbrennen werde - die er nur auf massiven Druck von Presse und Regierung zurücknahm - und die Tatsache, dass bei den Parlamentswahlen in den Niederlanden Geert Wilders mit seiner neu gegründeten Partei »Freiheitsliste« zur drittstärksten Kraft wurde, mit einem Programm und einer Kampagne, die charakterisiert ist von der Forderung Wilders', den Koran zu verbieten, weil er dazu aufrufe, »Christen, Juden, Dissidenten und Ungläubige zu unterdrücken, zu verfolgen und zu töten, Frauen zu vergewaltigen und gewaltsam einen islamischen Staat zu errichten.«

Wenn die Heilige Schrift einer Religion derart verunglimpft wird, dann ist »ökumenische Geschwisterlichkeit« angesagt, und Aufklärung, in diesem Fall: Aufklärung zum Koran.

Was bedeutet uns Christen dieses Buch? Kennen wir es gründlich genug? Wenn nein, warum haben wir es bisher ignoriert? Wenn ja, warum sagen wir nicht, ob und warum uns dieses Buch etwas zu sagen hat? Ich selbst will mich nicht drücken - und von einigen meiner Erfahrungen mit diesem Buch berichten.

Aufbau des Koran

Lesen im Rückwärtsgang. Zunächst ist festzuhalten: Wir Christen tun uns mit der Lektüre des Korans schwer. Das hat vor allem zwei Gründe: Lesewiderstand und Abwehr bestimmter Inhalte. Lesewiderstand erzeugt der Koran schon durch seinen äußeren Aufbau. Die 114 Suren dieses Buches sind nicht wie die Bibel nach Gattungen, sondern nach Längen geordnet, beginnend mit den längsten Suren: 2, 3, 4 und 5. Und diese längeren Suren sind in der Regel auch die späteren. Sie enthalten neben der üblichen Grundbotschaft viel rechtliches Material, das für die Ordnung einer Gemeinde erforderlich ist. Selbst ein gutwilliger Leser verliert bei dieser Lektüre die Geduld.

Ich selber habe deshalb vor Jahren schon auf einen älteren Kollegen gehört, der mir riet, den Koran vom Ende her zu lesen, also mit Sure 114 zu beginnen. Erstens dringe man dann schneller in den Koran ein, zweitens sei die Lektüre durch die Kürze der Texte abwechslungsreicher, und drittens bekäme man in den kurzen, oft frühesten Suren noch etwas von der ursprünglichen Wucht und Kraft der prophetischen Botschaft mit. Für die ersten vierzig Suren - vom Ende her gelesen - trifft zweifellos zu, was mir beschrieben wurde.

Die »Unübersetzbarkeit« des Koran

Zum anderen ist der Lesewiderstand in der »Unübersetzbarkeit « des Korans begründet. Jeder nicht Arabisch sprechende Leser oder Hörer (und das ist die große Mehrheit auch der Muslime weltweit) muss sich stets klar sein: Das originale Arabisch des Korans hat eine einzigartige sprachliche und poetische Form. Die Suren bestehen aus Versen, ausgestattet zwar mit unregelmäßigem Rhythmus, am Ende aber stets mit einem Reimpaar. In einer fremden Sprache ist das kaum darstellbar. ...

Die deutschen Übersetzungen sind deshalb durchweg Prosatexte, nur zwei neuere versuchen durch Zeileneinrückungen u.a. die rhetorische Form wenigstens anzudeuten. Einzig die unvollendete poetische Übertragung von Friedrich Rückert (Mitte 19. Jhdt) lässt etwas von der sprachlichen Kraft und Eleganz des Originals spüren. Ein Beispiel (es geht un den Reiterangriff in einer Schlacht):

Es ist schon ein Unterschied, ob man mit Khoury paraphrasierend daherkommt: »Bei denen, die schnaubend laufen und die Funken stieben lassen und die am Morgen stürmen und damit Staub aufwirbeln und dadurch in die Mitte (der Feinde) eindringen! « - oder ob man Sure 100, Vers 1 bis 3 wie Rückert so übersetzt: »Die schnaubenden, die jagenden, / Mit Hufschlag Funken schlagenden, / Den Morgenangriff wagenden, / Die Staub aufwühlen mit dem Tritte, / Und dringen in des Heeres Mitte!«

Als Deutsche und als Christen sind wir so von vornherein in doppelter Distanz zum Koran: Seine sprachliche Kraft ist uns gleichermaßen schwer zugänglich wie sein formaler Aufbau. Schon das sollte bei Urteilen zur Zurückhaltung führen. Viele Christen können sich nicht vorstellen, dass der Koran für Muslime ein Hör-Erlebnis sein kann, das sie schon durch Klang, Rhythmus und Bildwahl zu Tränen rührt.

Steinbruch-Exegese

Der Koran ist kein Steinbruch.

Schwer tue auch ich mich mit der Akzeptanz bestimmter Inhalte des Korans. Auch ich bin oft genug befremdet über die durchgängige Polemik gegen »die Ungläubigen«, über die ständigen Androhungen von Gericht und Höllenstrafe. Auch ich bin oft genug erschrocken über die vielen Schmähungen, Strafreden und Kampfaufrufe. Auch ich kenne Verse wie Sure 2, 191, wo vom Erschlagen und Vertreiben von Ungläubigen die Rede ist. Ich will das nicht verharmlosen, schon deshalb nicht, weil gerade heute solche und andere »Koranstellen« politisch missbraucht werden, entweder dazu, menschenverachtende Praktiken zu rechtfertigen (bis hin zu Terror und Mord) oder »den Islam« pauschal als Religion der Intoleranz und Gewalt zu verunglimpfen.

Ich denke aber nicht daran, mit dem Koran wieder das zu tun, was ich mir als christlicher Theologe bei der Bibelauslegung verboten habe: »Steinbruch-Exegese« zu betreiben. Will sagen: Man bricht sich aus einem gewachsenen Ganzen »Stellen«, Brocken, heraus, macht sie kontext- und geschichtslos und benutzt sie als Wurfgeschosse im Religionen-Gezänk. Als hätte nicht auch der Koran als geschichtliches Dokument Anspruch auf eine geschichtssensible Auslegung!

Muslimische Gelehrte - etwa der "Ankaraner Schule" - betreiben sie heute selber, unbeschadet der Tatsache, dass für sie als Muslime die koranische Botschaft göttlichen Ursprungs ist und bleibt. Aber Gott hat nun einmal Menschen und Zeitumstände des 7. Jahrhunderts benutzt, um seinen Willen definitiv kundzutun. Er nutzt den »Code« einer konkreten Kultur, bindet sich an den Verstehenshorizont konkreter Menschen. Eine dilettantische Eins-zu-eins-Übertragung bestimmter koranischer »Stellen« vom Damals ins Heute kann tödliche Folgen haben, zumal dann, wenn sich der hermeneutische Dilettantismus mit religiöser Verblendung paart. Als ob nicht eine der wichtigsten Botschaften des Korans lautete: »Wenn einer jemanden tötet, dann ist das, als ob er die Menschen allesamt tötet. Wenn aber einer jemandem Leben schenkt, dann ist das, als ob er den Menschen allesamt Leben geschenkt hätte« (Sure 5, 32).

Die Gewaltstellen gibt es, aber damit wird der Koran nicht zu einem Buch der Gewalt. Genauso wenig wie es die Hebräische Bibel wird. Man lese nur die Bücher Josua und Richter. Man lese einige Fluch- und Rachepsalmen - und jede selbstgerechte Heuchelei von Christen gegenüber Muslimen wird absurd. ...

Bibel und Koran

Der Prophet hatte es anfangs in Mekka mit Leuten zu tun, die an eine soziale Verantwortung vor Gott keinen Gedanken verschwendeten. Dagegen stellt der Prophet mit aller rhetorischen Kraft und bildlichen Prägnanz die Botschaft von der Erschaffenheit jedes einzelnen Menschen. Gott verdankt der Mensch alles, dem Schöpfer gegenüber bleibt der Mensch bis zu seinem und der Welt Ende verantwortlich - als sein »Stellvertreter« auf Erden.

Die Masse der Menschen aber verdrängt diese Verantwortung. Ihnen wird- zum Beispiel in Sure 82 - in dramatischer Sprache gesagt: »Wann die Himmel zerkloben sind, und die Sterne zerstoben sind, wann die Sterne sind verschäumt, und die Gräber sind geräumt; wird eine Seele wissen, was sie hat getan und was versäumt. O Mensch, wie bist du deinem Herrn, dem gütigen, entronnen! Der dich gebildet und geschlichtet und eingerichtet, in welche Form er wollte, dich gedichtet. Doch leugnet ihr den Tag, an dem er richtet.« Alles inhaltlich nichts Neues? Kann man schon in der Hebräischen Bibel nachlesen? Christen legen oft diese herablassende Arroganz dem Koran gegenüber an den Tag. Sie begreifen nicht, dass die »Originalität« dieses Buches weniger im Inhaltlichen liegt und liegen soll, sondern dass der Koran ausdrücklich die früheren Offenbarungen in Tora (Mose), Psalter (David) und Evangelium (Jesus) bestätigt. Keine »Spaltung« soll es geben in dem, was Gott von Noah über Abraham und Mose bis Jesus »an Religion verordnet« hat (Sure 42, 13).

Wo aber liegt dann die »Originalität« des Korans? Sie liegt vor allem in der sprachlichen Form, im rhetorischen Gestus, in der bildlichen Kraft, in der direkten existenziellen Anrede an jeden Einzelnen. Viele Suren sind buchstäblich »er-greifend«: Die Adressaten sehen sich »gestellt«, aufgerüttelt, ermahnt, beschworen, erinnert, getröstet.

Sure 55 ist hier besonders eindrucksvoll. In knapp achtzig Versen wird den Adressaten ein Panorama der Schöpfung vor Augen gestellt und Punkt für Punkt daran erinnert, was Gott möglich gemacht hat. Und nach jedem »Merkpunkt« erfolgt die Rückfrage: »Welche Wohltaten eures Herrn wollt ihr denn leugnen?« (Zirker). Dreißig Mal wird diese Frage wiederholt. Sie wird zum Mantra. Das einschärfende Wiederholen bringt sie ins Ohr, ins Herz, in den Körper, bis sie alles durchdringt.

Wichtig ist mir auch: Im Koran treffe ich als Christ vertraute Stoffe und Figuren wieder. Das hat mich zu umfangreichen Vergleichsstudien zwischen Bibel und Koran herausgefordert. Ich hatte lange Zeit keine Ahnung, dass der Koran Figuren wie Adam, Noah, Abraham oder Mose nicht nur irgendwo kurz erwähnt, sondern deren Geschichten breit entfaltet und aktualisiert.

In rund 40 von 114 Suren kommt allein die Geschichte des Mose und sein Konflikt mit dem ägyptischen Pharao vor. Schon in der Verkündigung von Mekka wird sie so genutzt, dass die Adressaten im Kampf des Mose gegen die Machthaber seiner Zeit ihre eigene Konfliktsituation wiedererkennen, insbesondere den Kampf des Propheten gegen das politische und wirtschaftliche Machtkartell in Mekka. Man lese nur, wie in Sure 20 oder 28 der von Gott Beauftragte es wagt, dem Gewaltherrscher gegenüberzutreten, und man wird spüren: Ein religionsgeschichtlicher Urkonflikt ist hier aktualisiert - das Prophetische gegen das Cäsarische, Gottes Wille gegen den Willen der Mächtigen der Welt. ...

Kreuzestod Jesu

In vielen Aspekten seiner Grundbotschaft bestärkt mich der Koran in meinem christlichen Glauben. In anderen Punkten aber bleibt ein Grunddissens: Christen und Muslime werden die Person Jesu theologisch stets verschieden werten. Für Christen ist Gottes Wort in Jesus »Fleisch« geworden. Für Muslime ist Gottes Wort im Koran Buch geworden. Und doch hört damit das Gespräch nicht auf. Denn der Koran ist für mich als Christ auch eine konkrete Infragestellung meines Christusglaubens. Es ist eine Infragestellung, die ich ernst nehmen muss. In Sure 4 zum Beispiel kommt der Koran auf die Kreuzigung Jesu zu sprechen. Er zitiert invers 157 Gegner Jesu, die behaupten, Jesus getötet zu haben, und hält entschieden dagegen: »Sie haben ihn aber nicht getötet und gekreuzigt ..., sondern Gott hat ihn zu sich erhoben.«

Sehr viel gegenseitige Polemik zwischen Christen und Muslimen hat dieser Koranvers ausgelöst. Christen haben sich empört, dass ein für ihren Glauben zentrales »Geheimnis«, die Heilsbedeutung des Kreuzestodes Christi, nicht nur geleugnet, sondern in seinem historischen Fundament sogar bestritten wird. Muslime ihrerseits haben Christen ein unsägliches Gottesverständnis vorgeworfen. Wie könne man an einen Gott glauben, der einen von ihm Gesandten einem derartigen Schandtod aussetze? Nein, Gott habe dafür gesorgt, dass Jesus zu ihm »erhoben« worden sei. Ich muss zugeben: Zwar steht für mich das Faktum einer Kreuzigung Jesu fest; ich habe selbst unter Wahrung strengster historischer Maßstäbe keinen Grund, dieses im Neuen Testament von Anfang bis Ende bezeugte »Ereignis« zu bestreiten. Hier kann ich dem Koran nicht folgen. Aber mit einer Theologisierung des Sterbens Jesu am Kreuz tue ich mich auch als Christ heute schwer. Dass ausgerechnet durch einen solch grauenhaften Tod eines Menschen Gott seine liebende Versöhnung mit der Menschheit bezeugt haben soll, provoziert seit jeher in mir Rückfragen an ein solches Liebes- und Gottesverständnis.

Hier verstehe ich die Einrede des Korans. Er tut das ganz offensichtlich nicht um billiger Polemik gegen ein christliches »Glaubensgeheimnis« willen. Er tut das um Gottes und Jesu willen. Das nehme ich ernst.

Hier wird mir der Koran zur Herausforderung. Seit ich diese Stelle kenne, denke ich über die Bedeutung des Kreuzes Christi nach, indem ich die Perspektive des Korans mit bedenke.

Weiß Gott: Es lohnt sich, ihn zu lesen.

Einleitung, Kommentare und Überschriften: Brigitte Hoffmann

Junge Templer und das Vaterunser (Teil 4)

Dein Reich komme

Die Welt stirbt, wenn wir beginnen sie zu verwalten
ich glaub' wir haben den Auftrag, die Welt zu gestalten
Sie zu entfalten, jeden Tag nur ein kleines Stück
hinzugefügt und es ergibt sich ein herrliches Mosaik
Ich glaube das Reich Gottes liegt nicht in der Ferne
wenn wir uns anstrengen, holen wir es hier auf die Erde
Schon heute muss hier keiner mehr hungern oder im Winter frier'n
Wo gab's das schon mal auf der Welt? Reich Gottes prosperiert
Und ja, ich kenne die Probleme in der dritten Welt
ich hab selber dort gelebt, alles scheitert, weil Mittel fehl'n
Doch kommt, wir lösen das! Welthunger ist schon besiegt
wenn jeder im Norden jeden Tag nur einen Dollar gibt
Es liegt in uns'rer Hand, die Erde ist uns untertan
wir tragen die Verantwortung, überall, auch in unser'm Land
Und am Liebsten würd' ich diesen Vers in Fels schlagen:
Lasst uns das Licht Jesu Christi hinaus in die Welt tragen!

Ich habe euch diesen Auszug aus meinem Lied Samenkorn mitgebracht, weil ich mir zu diesem Thema schon einige Gedanken gemacht habe, als ich das Lied vor ein paar Monaten geschrieben habe und da einiges drinsteckt, worauf ich noch näher eingehen werde.

Für die Templer ist das Trachten nach dem Reich Gottes ein identitätsstiftendes Thema, weshalb sich zum Beispiel der Vers aus Matthäus 6 hier vorne an der Wand befindet. Templerfamilien verließen im 19. Jahrhundert sogar ihre Heimat und zogen nach Palästina, um geographisch dem Reich Gottes entgegenzustreben.

Aus diesem Grund wird hier sicher oft über dieses Thema gepredigt, aber ich hoffe dennoch ein paar neue Denkanstöße beitragen zu können. Dein Reich komme! Aber wo beginnt das Reich Gottes für mich?

Das Reich Gottes beginnt bei mir: In was für einer Welt lebe ich? Kann ich mich hier auf Erden und in meinem Umfeld entfalten, kann ich glücklich werden? Oder ist diese Welt jetzt und hier furchtbar, ungerecht, unzumutbar? Früher war alles besser! Viele aus der Generation meiner Eltern beispielsweise fanden Deutschland, oder die Welt an sich, so schrecklich, dass sie keine Kinder dort hinein gebären wollten. Das hört sich für mich nicht nach einem Zustand an, den man »Reich Gottes« nennen könnte und auch nicht nach dem Glauben oder Hoffen, dass dieses bald komme.

Der Filter in meinem Kopf bestimmt, wie ich die Welt sehe. Und dadurch, in was für einer Welt ich lebe! Aber ich kann den Filter in meinem Kopf bestimmen!

Jeder Mensch hat die Freiheit, zu entscheiden, ob es ihm gut geht oder nicht und ob die Welt, in der er lebt, eine gute oder eine schlechte ist. Ob sie vom Reich Gottes unendlich weit entfernt ist oder sich ihm annähert.

Ihr alle kennt Beispiele von Menschen, die schwere Schicksalsschläge ertragen mussten und trotzdem noch Lebensfreude empfinden konnten und diese sogar an andere weitergeben - und das ist Reich Gottes! Und umgekehrt gibt es Menschen, die scheinbar alles haben, Familie, Wohlstand, Erfolg im Leben, im Beruf, und erfüllt sein müssten, aber sie werden depressiv und können das Gute nicht mehr sehen.

Tatsächliche Armut kann Lebensqualität einschränken, Wohlstand ist aber kein Garant für Glück. In Nicaragua, einem der ärmsten Länder der Welt, habe ich die Menschen zum Beispiel als viel glücklicher wahrgenommen als die Deutschen. Woran also können wir das Kommen des Reiches Gottes festmachen? Ich glaube, die Voraussetzung dafür beginnt im Kopf, denn der Zustand, auf dem wir aufbauen können, ist schon längst gegeben.

Es wird oft übersehen, grade von vielen Leuten meiner Generation, wie gut es uns jetzt schon geht, wie nah wir jetzt schon einem Zustand sind, der dem Reich Gottes gar nicht mehr so unähnlich ist. Wie viel Freiheiten wir zum Beispiel haben. Vieles kommt auf die Sichtweise an.

Die Leute gehen auf die Straße und demonstrieren gegen Hartz IV. Aber davon abgesehen, dass fast jeder Student froh wäre, wenn er so viel Geld zur Verfügung hätte, wie ein Hartz IV-Empfänger: Bei uns muss heute niemand mehr hungern und niemand muss frieren! Viele von der älteren Generation werden wissen, dass beides nicht so selbstverständlich ist, wie es uns, die wir im Wohlstand aufgewachsen sind, erscheint. Früher konnte man das von keinem König behaupten und heute in unserer Gesellschaft selbst von denen, die wir als »arm« bezeichnen.

Das ist ein Beispiel, wie ich die Welt wahrnehmen kann. Wir haben eine unglaublich hohe Lebenserwartung, moderne medizinische Versorgung, alle Chancen von Wohlstand und Globalisierung. Bei uns existiert praktisch keine absolute Armut mehr, das ist einmalig in der Weltgeschichte. Ist das nicht ein wunderbares Fundament, auf dem die Errichtung des Reiches Gottes möglich sein sollte?

Ich spreche von Errichtung, weil mir persönlich die Bitte nach dem Kommen seines Reiches nicht genug ist. Ich glaube nicht, dass es reicht, die Welt zu verwalten, den Status Quo zu erhalten und auf das Kommen des Reiches Gottes zu warten! Schon direkt nach der Erschaffung der Menschen in 1. Mose Kapitel 1 gibt Gott uns den Auftrag »Macht euch die Erde untertan!« und in der Bergpredigt nennt Jesus seine Anhänger das »Salz der Erde« und das »Licht der Welt«. Für mich geht daraus der Auftrag hervor, die Welt zu gestalten, im Kleinen wie im Großen. Eine Christenpflicht zu »leuchten vor den Leuten«, wie Jesus weiter sagt, und die Welt aktiv zu gestalten mit dem Ziel des Zustands vom Reich Gottes. Was leuchten bedeutet, ist eigentlich einfach. Man kann die gesamte Lehre Jesu herunterbrechen auf den Schlüsselbegriff der Botschaft der Nächstenliebe.

Auf die Frage der Pharisäer, wann das Reich Gottes komme, antwortet Jesus in Lukas 17 Vers 20: »Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch!«

Die Antwort auf die Frage nach dem wann ist also: Genau jetzt!

Wo immer ein Mensch einem anderen mit Nächstenliebe begegnet, da fängt das Reich Gottes an! Im Kleinen im Umgang mit der eigenen Familie, mit den Freunden, Nachbarn und Bekannten. Im Großen mit Fremden, Mitbürgern, Menschen am anderen Ende der Welt, und sogar mit Feinden!

Überall da, wo uneigennützig gehandelt wird, Hilfe geboten, Beistand und Trost gespendet, an der richtigen Stelle gelächelt wird. Da, wo ich meinen Wohlstand teile. Da, wo ich die verteidige, die es nicht selbst können. Da, wo ich einem Kind das Leben schenke, ihm Liebe angedeihen lasse, Erziehung und Bildung. Da, wo ich mich aktiv einsetze für andere und mich an der Gestaltung des Reiches Gottes beteilige, in Kirchen, in Vereinen, in der Wirtschaft, der Politik, der Sozialfürsorge, der Entwicklungshilfe. An meinem Arbeitsplatz und in meiner Freizeit.

An mir entscheidet sich, ob ein Stück des Reiches Gottes näher kommt oder nicht, wann immer ich eine Entscheidung zu treffen habe. Deswegen trage ich das Armband mit der Aufschrift »What would Jesus do? – Was würde Jesus tun?« als Erinnerung daran zu handeln, wie es uns Jesus aufgetragen hat und die Welt in seinem Sinne zu gestalten mit dem Ziel: »Dein Reich komme!«

Und auch wir als Tempelgesellschaft können draußen in der Welt mehr tun, als Friedhöfe zu pflegen! Wenn wir außerhalb unserer Gemeinde aktiver am Reich Gottes mitbauen, löst sich vielleicht auch das Problem des Mitgliederschwundes.

Matthäus 6, 33: »Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit!«

Frieder Hammer

Neuinterpretationen des Vaterunsers - Dein Reich komme!

Die Herausforderung der Vaterunser-Bitte um das Kommen des Gottesreiches liegt nicht in der Erwartung eines göttlichen Eingreifens, sondern in der Ermächtigung des Menschen zur Mitarbeit.

Das ist es, was zählt: Gottes Reich kann nicht kommen, eintreten, herrschen oder enden ohne menschliche Mitwirkung. Deshalb ist das Abba-Gebet des Matthäusevangeliums in zwei gleiche Teile eingeteilt: in das göttliche DU des ersten Teils und in das menschliche WIR des zweiten. Die beiden Teile entsprechen sich gegenseitig. Entweder werden sie zusammengebracht oder sie verlieren ihren Wert und Sinn. Sie stellen die zwei Seiten der einen endzeitlichen Medaille dar.

John Dominic Crossan in »The Greatest Prayer«, 2010

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